Eine deutsche Diskussion 18. Januar 2010
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Grundsatz-Artikel, Pressespiegel, Studentischer Geist , einen kommentar schreibenEs geht wie immer um alles in der Auseinandersetzung: “Bildung ist der Rohstoff der Zukunft!” Diesen Satz kann man sich gar nicht mehr wegdenken. Und dennoch werden die Instutionen der Bildung in einer deutschen Diskussion regelrecht aufgerieben. Beide Lager arbeiten verbissen und laut an der Umsetzung ihrer Ideen, nur die Vertreter der vermittelnden Position sind kaum zu hören.
Im UniSpiegel 06/2009 bezieht der Wirtschaftspädagoge Hermann Ebner, Prorektor für Lehre an der Universität Mannheim, Stellung zur Bologna-Reform.
Sein Fazit:
Die Reform war überfällig…
Man muss das Bologna-Konzept einfach ernst nehmen. Der Bachelor ist ein eigener Abschluss, der Master ist es ebenfalls. Das hat den Vorteil, dass man nach dem Bachelor in BWL sich auch für ein Ingenieurstudium bewerben kann. Wenn Sie früher ein BWL-Diplomstudium angefangen hatten, konnten Sie nach der Zwischenprüfung nicht einfach zu den Ingenieuren wechseln.
…die Umsetzung ist aber technokratisch und daher fehlerhaft.
Was wir jedoch an manchen Stellen versäumt haben, ist, dieses Konzept tatsächlich mit Leben zu füllen und etwas Eigenes daraus zu machen. Nicht zuletzt die Politik, die Kultusadministration, hat das alles eher technokratisch betrieben.
Ein Baustein der Lösung: Den Hochschulen muss erlaubt sein, ihre Freiheit auch wahrzunehmen.
Wenn die Universitäten mehr Freiheiten bekämen - und sie vor allem auch nutzen würden, um intelligent geschnittene Studiengänge auf den Markt zu bringen. Studiengänge sind ja ein Teil unserer Produktpalette, und die müssen sich am Markt durchsetzen. Das heißt, es muss eine Nachfrage da sein bei den Studierenden, es muss eine Nachfrage am Arbeitsmarkt für unsere Absolventen vorhanden sein - und wenn das gegeben ist, sind wir auf dem richtigen Weg.
Von Humboldtianern und Bolognesern 19. April 2009
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Pressespiegel, Studentischer Geist , einen kommentar schreibenBei Reformprozessen sammeln sich die Lager meist um zwei Hauptmeinungen. Gerade in Deutschland finden sich dafür schnell Initiativen, Vereine und Interessensgemeinschaften. Nur bei der Reform der Hochschulen scheint das nicht so zu sein. Uwe Schimank plädiert in der FAZ (“Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort”) dafür, eben diese Lager der “Humboldtianer” und “Bologneser” klar zu benennen.
Das scheint einleuchtend, wenn es daran gehen soll an einer dritten vermittelnden Lösung zu arbeiten. Dann hätten wir in Deutschland sicher auch eine offenere und lebendigere Diskussion über die (Aus-)Bildung zukünftiger Generationen.
Erstens: Humboldt ist der richtige Mann am richtigen Ort: Das hieße, dass die neuen Studiengangsstrukturen das Gebot der Stunde sind, um das nach wie vor gültige klassische universitäre Bildungsverständnis unter veränderten heutigen Bedingungen fortzuführen. Dies ist die Kontinuitätsthese: Das Alte muss und kann erneuert werden.
Zweitens: Humboldt ist der falsche Mann am richtigen Ort: Das bedeutete, dass die neuen Studiengangsstrukturen sachlich geboten sind und das klassische universitäre Bildungsverständnis ablösen müssen. Dies ist die Diskontinuitätsthese in funktionaler Lesart: Das Neue muss her, das Alte muss verschwinden.
Drittens: Humboldt ist der richtige Mann am falschen Ort: Das klassische universitäre Bildungsverständnis wäre, so verstanden, nach wie vor sachgerecht, kann aber in den neuen Studiengangsstrukturen unglücklicherweise nicht mehr zur Geltung gebracht werden. Dies ist die Diskontinuitätsthese in dysfunktionaler Lesart, also die Krisenthese: Das falsche Neue verdrängt das richtige Alte.
Viertens: Schließlich, gegen diese drei Lesarten von Bologna, die meines Titels: Humboldt ist der falsche Mann am falschen Ort. Weder können wir heute das klassische universitäre Bildungsverständnis fortführen, noch sind stattdessen die neuen Studiengangsstrukturen die Lösung. Dies ist die zugespitzte Krisenthese: Das Alte und das Neue prallen aufeinander, aber beide taugen nichts.
Rebellion gegen die Mainstream-Ökonomie 14. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , einen kommentar schreibenDa mich einige Fragen erreichten, was es mit den “Postautisten” denn auf sich habe, will ich an dieser Stelle nochmal einen Artikel aus der Süddeutschen nachreichen. Obwohl die Bewegung bereits fünf jahre auf dem Buckel hat, sind gute Überblicksartikel noch immer schwer zu finden. Falls Ihr um Material wisst, würde ich mich über einen Hinweis in einem Kommentar freuen. Was viele User vergessen: Auf UnternehmensGeist kann grundsätzlich jeder Beiträge zu relevanten Themen verfassen!
Also, haut in die Tasten!
Postautisten gegen Mainstream-Ökonomie
…Spätestens, seit anno 2000 Pariser Ökonomiestudenten öffentlich protestierten und gegen den mathematisch fixierten Formel-Autismus der herrschenden neoliberalen Lehre zu Felde zogen, wächst das Unbehagen an der universitär gelehrten Mainstream-Ökonomie. „Wir wünschen nicht länger, dass uns eine autistische Wissenschaft aufgezwungen wird”, lautet der Schlachtruf der so genannten Postautisten, die sich nun, einige Jahre später, auch an deutschen Almae matres formieren (www.pecon.net oder www.paecon.de). Das neue Unbehagen an der herrschenden Nationalökonomie geht indes tiefer als die sattsam bekannten Richtungskämpfe zwischen angebots- und nachfrageorientierten Wirtschaftswissenschaftlern. Die zentrale Kritik der Postautisten richtet sich gegen die lebensfremde, mathematische Verengung einer Wissenschaft, die letztlich mehr Sozial- als Naturwissenschaft ist. Manche behaupten sogar, die Ökonomik sei inzwischen mathematischer als die Physik, versuche, ökonomische Gesetze wie Naturgesetze aufzudecken und zu analysieren. Dabei schrecken Vertreter der herrschenden Lehre selbst vor Modellkonstruktionen nicht zurück, in denen sie zwei Menschen unter der Annahme, dass sie unendlichlange leben und keine Nachkommen zeugen, auf eine Insel verfrachten, um Verteilungsfragen rechnerisch auf die Spur zu kommen. Einer der beredtesten Kritiker gegen solche technizistisch-blutleeren Ansätze ist der Schweizer Ökonom Bruno S. Frey. Dieser beklagt sich bitter, dass sich die Volkswirtschaftslehre immer stärker zu einer Analyse „formaler und selbstdefinierter Probleme” entwickele und dass sie sich auf bestem Wege befinde, zur „Unterabteilung der angewandten Mathematik” zu degenerieren…
Quelle: Dagmar Deckstein in der SZ/Feuilleton am 17.01.2005
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Der Führungsnachwuchs probt den Aufstand 12. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , einen kommentar schreibenGesellschaftliche Veränderungen gehen an jungen Nachwuchskräften nicht spurlos vorbei, sondern hinterlassen meist Spuren in ihrem Denken und (hoffentlich auch) in ihrem Handeln. In diesem Zusammenhang wurde hier auf UnternehmensGeist bereits über die wirtschaftswissenschaftliche Reformbewegung des Post-Autismus berichtet. Da ich von der Bedeutung dieser studentischen Bewegung für die Wirtschaft und die Gesellschaft überzeugt bin, lege ich Euch jetzt einen Auszug aus dem Buch “Die sanften Managementrebellen” von Holger Rust ans Herz. Prädikat: Besonders lesenswert!
Die ZUKUNFT der FÜHRUNG
(pdf)
KULTURWANDEL: Die derzeit herrschenden Führungsprinzipien
sind überholt. Weltweit rebellieren Studenten und Jungmanager gegen eine ökonometrisch dominierte Sicht der Wirtschaft und fordern einen Mentalitätswechsel. Der Nachwuchs ist auf der Suche nach dem idealen CEO für das 21. Jahrhundert.
Von Holger Rust
Elena ist die Traumkandidatin eines jeden Personalchefs. Die 28-jährige Polin hat ihr Wirtschaftsstudium mit Auszeichnung abgeschlossen und in den USA an einer Elitehochschule einen MBA erworben. Sie spricht neben ihrer Muttersprache fließend Deutsch, Französisch und Englisch. Sie hat Erfahrung im Management internationaler Vertriebsprojekte sowohl bei einem Konzern als auch in einem mittelständischen Unternehmen. Und sie ist ambitioniert. Ihr Ziel ist klar: Sie will so schnell wiemöglich in eine Führungsposition. Darauf will sie sich umfassend vorbereiten.
Also wandte sie sich an Personalverantwortliche deutscher Konzerne. Und da zerplatzte der Traum – für beide Seiten. „Man hat mir schon attraktive Positionen angeboten. Aber was ich wirklich wollte, verstand keiner: Das Unternehmen, seine Kultur und seine Märkte aus möglichst vielen Perspektiven differenziert und realitätsnah kennen zu lernen, um dann für eine Führungsposition gerüstet zu sein. Stattdessen wurde ich immer wieder gefragt, in welcher Funktion, in welcher Abteilung ich arbeiten wolle. Und ich konnte darauf immer nur antworten: ‚Das weiß ich noch nicht, das möchte ich ja herausfinden.‘“ Dieses Karrierekonzept widersprach den Leitlinien der Personalauswahl in den Unternehmen diametral.
Elena hatte mit ihrer, zugegeben, etwas ungewöhnlichen Initiative gleich zwei Kulturen verstört, deren ungeschriebene Gesetze heute gängige Führung bestimmen: die herrschenden Führungskader mit ihren formalistisch-mathematischen Kontrollmechanismen und den karriereorientierten Nachwuchs mit seiner zielgerichteten Egozentrik. Die alteingesessenen Kader und strebsamen Nachwuchsmanager beanspruchen traditionell die Macht in den Unternehmen und setzen die Regeln des Führungsspiels fest. Doch diese Dominanz bei der Definition der heutigen Führungskultur resultiert eher aus gleichartigen Gedankengebäuden und Theorien über die Wirklichkeit als aus einer bewussten und systematischen Verteidigung von Positionen. Deshalb wäre es unangemessen, von Machtkartellen zu sprechen. Was wir finden, sind Kulturen des Denkens, Mentalitätsmilieus“, in denen sich Ideen vom Erfolg, von der Führung, Vorstellungen von der richtigen „Aufstellung“ von Unternehmen wie in einem mentalen Kapillarsystem ganz selbstverständlich verbreiten und nie hinterfragt werden.
Wie kam es zu dieser Entwicklung? Die Manager unserer Zeit sind durch die Schule einer streng ökonometrisch definierten Wirtschaftswissenschaft gegangen. Sie haben gelernt, die wahrgenommene Komplexität des Marktes mithilfe mathematischer Modelle zu reduzieren. Diese Krücken dienen als Idealtypen der Wirklichkeit. In der Praxis zeigt sich diese Schule in wechselnden, immer aber streng formalistischen Konzepten wie Lean Management und Outsourcing, Diversifizierung oder Konzentration auf Kernkompetenzen. Als es in der kurzen Spanne des so genannten „War for Talent“ Mode wurde, sich näher mit den Mitarbeitern zu befassen, ergab man sich notgedrungen dem Training emotionaler Intelligenz, natürlich messbar in Navigationssystemen und Score-Modellen. Auf die gleiche Weise wird der Führungsnachwuchs rekrutiert: schnelles Studium, bereits während des Studiums in der herrschenden Praxis trainiert, in Assessment-Centern gewogen und beurteilt, dann auf der klassischen Linie durchgereicht. Studenten an vielen Universitäten, vor allem an denen in den USA, werden von Beginn an mit dem Formalismus konfrontiert: Das fängt an mit den häufig ab dem ersten Semester eingesetzten Multiple-Choice-Klausuren, die einsatzfähiges Formelwissen voraussetzen und weitgehend auf argumentativ-qualitative Methoden verzichten. In dieser Atmosphäre entsteht eine Geisteshaltung der Anpassung an die herrschenden Normen, die sich manchmal bis zur Karikatur auch auf die Karrierefantasien überträgt: mit strahlendem Gebiss und Waschbrettbauch fit für die oberen Etagen, ein neuer Typus, der egozentrische Entrepreneur seiner selbst, machtbewusst, karriereorientiert, ohne große Loyalität für jeglichen Arbeitgeber. Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre, klebte diesen Vertretern im Titel seines Buches „Spieler ohne Stammplatzgarantie“ einen grässlichen Begriff auf: “Darwiportunisten“, ein zusammengeklaubtes Wortmonstrum aus Darwinismus („Survival of the Fittest“) und Opportunismus (der jede Gelegenheit zur aufwärts gerichteten Karriere wahrnimmt). Das sei das Zukunftsmodell, sagt Scholz, der unausgesprochene Vertrag der wechselseitigen Ausbeute.
SANFTER WIDERSTAND
Dieses verflochtene System aus dem streng formalistischen Milieu auf der einen und dem egozentrisch karrieristischen auf der anderen Seite war der Grund für die Irritation der jungen polnischen Nachwuchskraft Elena. Sie repräsentiert einen Typus von karrierewilligen Mitarbeitern, die sich nicht mehr mit den Systemen der klassischen Mikro-, Makro-, Metrik-Wirtschaftswissenschaft und ihrer so genannten Praxisorientierung abgeben wollen: Elena steht für ein Mentalitätsmilieu, das sich mit der Umwelt der Unternehmen auseinander setzen will, das verstehen will, das soziologische, kulturelle, politische und historische Sensibilität sucht, um zu begreifen, welche kurz-, mittel- und langfristigen Konsequenzen das gewinnorientierte Handeln heute zeitigt.
Dieses Milieu aus noch unverbundenen individuellen Geistern hat keine Macht. Aber es ist auf dem Weg, einen Teil der Macht zu erringen. Auch hier handelt es sich nicht um eine feste Gruppe oder gar um eine Generation. Es entsteht eher eine geistige Neuorientierung, die allmählich auf allen Ebenen der Hierarchien um sich greift und die herrschenden Gedankenwelten infrage stellt.
Am deutlichsten macht sich der Mentalitätswechsel bei den Studierenden bemerkbar. Es mag verwunderlich klingen, aber weltweit zeichnen sich Konturen einer Rebellion ab. Eine Bewegung, jedoch ganz anders als 1968: Nicht das System steht auf der Tagesordnung. Diese Studenten sind von der Vorstellung fasziniert, gestaltend an der Wirtschaftswelt des dritten Jahrtausends mitzuwirken und dabei nicht die Fehler jener Mentalitätsmilieus des engstirnigen Establishments und der konservativen Karrieristen zu wiederholen.
Die Bewegung nahm ihren Anfang mit einer Petition, die 50 Pariser Studenten ihren Professoren im Juni 2000 überreichten. Sie verlangten von ihren Professoren, die imaginären Welten der Neoklassik zu verlassen und zu den Fakten zurückzukehren. Ihnen war das Studium zu einseitig, die Lehre zu mathematisch formalisiert. Ihnen fehlten reale Akteure und Institutionen sowie Lektionen in Wirtschaftsgeschichte. Sie forderten soziologische, kulturwissenschaftliche und philosophische Aspekte in ihrem Wirtschaftsstudium. All das kulminierte in dem Wunsch, den künftigen Kontext ihres späteren Arbeitsplatzes zu begreifen: Was ist die kulturelle Logik dessen, was in der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft nur Artefakt des grenznutzenorientierten Marktverhaltens eines Homo oeconomicus ist? Welchen Sinn realisieren Kunden in ihrer Lebenswelt? Und wo bleibt die soziale Verantwortung?
Obwohl dieser Protest vordergründig eher die Wirtschaftsdidaktik zu betreffen scheint, hat er doch gravierende Auswirkungen auf die sich verändernden Führungskonzepte und -werte. Denn diese Studenten sind keineswegs Romantiker. Sie sind in gewisser Weise sogar egoistischer als die Karrieristen, weil sie eine neue Definition der Work-Life-Balance befolgen: Der Beruf, in dem man aufgeht, in dem man sich, wenn es sein muss, 16 Stunden am Tag engagiert, soll das ganze Leben repräsentieren. Nur dann lohnt sich das Engagement. Und deshalb suchen sie eine andere Art von Karriere, innerhalb derer sie die Herausforderungen der Unternehmensumwelt ganzheitlich erfassen können – wirtschaftlich, soziologisch und kulturell. Dass sie die formalistischen Ansätze und die klassischen Strategien nebenbei auch noch beherrschen müssen, stellt niemand infrage. Und dass sie ihr Metier verstehen, zeigte sich in der Wahl eines Etiketts für die neue Bewegung: „Postautisten“. Unter diesem Label verbuchten sie einen raschen Erfolg; sie schätzten den Markt der Mentalitäten völlig richtig ein. Bereits wenige Tage nach dem ersten Auftritt nahmen Professoren und Politiker, Zeitungen und Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen den Impuls auf, unterstützten engagiert die Idee einer sanften Rebellion gegen das formalistische Mentalitätsmilieu, eine Website wurde entworfen und das Internetmagazin „post-autistic economics review“ gegründet.
Die im Januar edierte 23. Ausgabe erreicht 6 724 Abonnenten in 145 Ländern. Die Liste der Wissenschaftler, die regelmäßig an der Diskussion um eine neue Mentalität teilnehmen, enthält berühmte Namen. Der Protest reicht so weit, dass der französische Bildungsminister einen renommierten Ökonomen beauftragte, die wirtschaftswissenschaftliche Lehre im Rahmen einer Enquete zu überprüfen.
FÜHRUNGSPRINZIP DER ZUKUNFT
Die Ideen dieses essayistischen Mentalitätsmilieus sind nicht neu. Sie prägen viele Sonntagsreden des amtierenden Managements, sind meist aber nicht mehr als unverbindliche Schmuckfarben im schwarz-weißen Alltag des herrschenden Formalismus. Neu ist, dass junge Menschen nun konsequent fordern, die Prinzipien von Kommunikation und intellektueller Auseinandersetzung mit Umfeldproblemen in den Konzepten zukunftsorientierter Personalentwicklung umzusetzen. Neu ist auch, dass sie ihre eigenen Karrieren auf diese Ziele hin ausrichten. Der Ruf nach einer Reform des Studiums, das den Studenten zu sehr an die ökonometrisch-mathematischen Modelle der Neoklassik gekettet
ist, stellt nur einen ersten Schritt dar. Der zweite Schritt bestimmt ihre Einstiegsideen und die Gestaltung der frühen Berufsjahre.
Empirische Daten zeigen, dass sie konsequent nach Führungskräften suchen, die ihnen Möglichkeiten des grenzenlosen Lernens einräumen. Der deutsche Recruiting-Dienstleister Access fragte in mehreren Stufen zwischen 1999 und 2003 tausende Personen nach ihrem Ideal
eines Arbeitgebers. Das Ergebnis der Untersuchungen: Die jungen Leute suchen nach Vorgesetzen, die Verantwortung übernehmen, bei denen der Weg an die Spitze noch nicht zur rückhaltlosen Befolgung formalistischer Normen geführt hat. Sie suchen nach Managern, die auch Karrieren fördern, die nicht nur nach den Normen der Messbarkeit gewertet werden. Die ideale Führungskraft sollte ihnen neben den Notwendigkeiten des klassischen Kennzahlenmanagements auch Raum für kollegiale Kreativität geben – sie suchen nach Bundesgenossen für das neue Mentalitätsmilieu. Das bedeutet für die Führung, genau jene Wünsche zu berücksichtigen, wie sie die Nachwuchskraft Elena formulierte: Vielfältige Erfahrungen ermöglichen, Karrierewege offen lassen, die Gedanken von Menschen nicht durch Scorecards und Navigationssysteme knebeln und sich als Vorgesetzter im Vertrauen auf die Kompetenz der Mitarbeiter zurücknehmen, die man als führungstauglich erkannt hat. Nur so kann einer der seltsamen Widersprüche im Denken einer breiten Schicht heutiger Führungskräfte behoben werden: Nachwuchs für die Zukunft zu rekrutieren, diesen Nachwuchs aber nach dem zeitgenössischen Managementideal zu formen.
Um die Forderungen umzusetzen, müssen nach den Vorstellungen der Postautisten Menschen mit unterschiedlicher Sichtweise ihren durch jeweils unterschiedliche Erfahrung gewonnenen externen Sachverstand in die Lösung von Problemen investieren. Das systematisch zu organisieren ist eine der neuen Führungsaufgaben der Manager. Sie müssen kommunikativ vernetzte „Führungsfelder“ schaffen. Doch es wäre ein großes Missverständnis, die Suche nach so einer konvivialen, also gemeinschaftlichen Arbeitsatmosphäre mit den üblichen und meist unausgegorenen Modellen flacher Hierarchien und
autoritätsfreier Teamarbeit zu verwechseln. Im Gegenteil: Nur starke Führungspersönlichkeiten ermöglichten diese Führungsfelder, erläutert Michael Jung, Direktor bei McKinsey, als einer der Ersten, die sich mit dieser Idee beschäftigt haben. Um es mit einer alten Metapher auszudrücken: Die amtierenden Riesen hieven die aufmüpfigen Zwerge auf ihre Schultern, damit die weiter sehen als sie selbst und eines Tages die Verantwortung übernehmen können.
REBELLEN IN NADELSTREIFEN
Viele große internationale Studien haben sich mit der Frage befasst, welche unabdingbaren Voraussetzungen eigentlich Erfolg garantieren. Nur wenige seien hier genannt: „Lessons from the Top“ des Personalberater-Multis Spencer Stuart, „Wege zur Unternehmensspitze“ von Heidrick & Struggles, die letzten großen Gallup-Studien oder Hermann Simons „Die heimlichen Gewinner“. Auch die Arbeiten der in dieser Ausgabe präsenten Managementtheoretiker Manfred Kets de Vries und Warren Bennis gehen unmissverständlich in diese Richtung: Als fundamentale Voraussetzung für einen Erfolg, der sich in der anhaltenden Steigerung des Unternehmenswerts und langfristigen Gewinnen erfüllt, zeigt sich vor allem die Fähigkeit zur offenen Kommunikation, gepaart mit der Bereitschaft zur Entwicklung einer exzellenten Organisation aus hervorragenden Persönlichkeiten. Diese sollten in den inhaltlichen Belangen besser sein als ihre Vorgesetzten.
Diese nur kurz skizzierten Befunde lesen sich wie aus dem Programm des essayistischen Mentalitätsmilieus abgeschrieben. Doch die Macht der Formalisten und Egozentriker ist längst nicht gebrochen. Seilschaften aus autoritären Egomanen und karrieristischen Jasagern bestimmen immer noch weite Teile der Wirtschaftsszenerie. Zunehmend aber werden die Konfrontationslinien klarer. Und die Forderungen werden immer einvernehmlicher formuliert, weil das Gespräch zwischen vielen Studenten und Nachwuchskräften nicht mehr nur den schnellsten Wegen zum persönlichen Erfolg gilt, sondern dem Sinn der Arbeit. In diesen Gesprächen in den Management Lounges und auf den Karrieremessen, in den Lehrgängen der Business Schools und auf Kongressen formiert sich das neue Mentalitätsmilieu, das nicht mehr den neoklassischen Idealtypus des Homo oeconomicus
sucht, sondern den idealen CEO von morgen.
Im Zusammenhang mit dem Planspiel „CEO of the Future“
(McKinsey/manager magazin) habe ich empirisch untersucht, wie
Nachwuchsmanager den Charakter des idealen CEOs der Zukunft
sehen. Dabei zeigte sich, dass ganz klar die beschriebenen Merkmale des „konvivialen Managementtypus“ dominieren. Den amtierenden Managern wird in diesen Studien von den Nachwuchskräften ein desolates Zeugnis ausgestellt: Sie halten sie für konservativ, uninspiriert und den Herausforderungen flexibler Märkte nicht gewachsen, weil sie keine soziokulturelle Kompetenz und wenig Bereitschaft zur Öffnung ihrer Managementmethoden erkennen lassen. Der Nachwuchs zeigt sich, was das eigene Profil angeht, extrem selbstbewusst: Das Selbstporträt ist fast mit dem Idealentwurf vom CEO der Zukunft identisch. Die angehenden Manager wissen, dass sich nur in der Bereitschaft zur Kommunikation unter verantwortungsvoller Führung jene Loyalität verankern lässt, die zu einem konstanten „intellektuellen Wertschöpfungsprozess“und damit zu einem gravierenden Wettbewerbsvorteil in der wissensbasierten Wirtschaftswelt des 21. Jahrhunderts auswächst. Man wird sie brauchen, weil sie die Charaktereigenschaften und die Leidenschaft besitzen, sich von einer verantwortungsvollen Führung auf ihre eigene Führungsrolle vorbereiten zu lassen.
Und da sie in der Tat keine weltfremden Romantiker sind und neben der großen Faszination gegenüber dem konvivialen Management auch eine kleine Faszination für Zahlen und statistische Trends pflegen, haben sie längst analysiert, dass sie als Mitglieder geburtenschwacher Jahrgänge relativ wenige sind. Die demografische Situation führt bereits jetzt zu ersten Knappheiten auf dem umkämpften Markt der hochmögenden
Nachwuchskräfte. Also wird man tun, was sie wollen. Das zeigt schon, dass sie geeignet sind, die Führungspositionen in einer
„idea based economy“ des 21. Jahrhunderts zu übernehmen. Doch werden sie im Alltag beweisen müssen, dass sie auch unter dem dann normalerweise herrschenden Zeitdruck in der Lage sein werden, ihre Ideale zu erhalten.
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Gießener Geisteswissenschaftler zeigen UnternehmensGeist 30. März 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , 6kommentareMitunter geschehen Veränderungen nicht immer im Zentrum, wo man es vermuten würde, sondern auch in der oft (zu Unrecht) belächelten Provinz. So haben Geisteswissenschaftler aus Gießen, die Unterstützung einer Beraterin genutzt, um eine eigene Agentur für Kommunikationsberatung auf die Beine zu stellen. Das zeigt, dass nicht nur in den großen Uni-Städten studentische Initiativen und Unternehmen blühen, sondern auch dazwischen ausreichend UnternehmensGeist vorhanden ist!
Der Vollständigkeit halber hier noch ein Auszug aus der Pressemitteilung vom Informationsdienst Wissenschaft:
30 Studierende der Germanistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen sind im Oktober 2005 angetreten, um zu zeigen, dass sie für viele Berufsprofile in der Wirtschaft eine ausgezeichnete Ausbildung mitbringen. Als studentische Agentur “Communi” übten sie sich in Kommunikationsmanagement und Public Relations. Drei reale Kunden, Non-Profit-Organisationen, wurden von ihnen kostenlos beraten und erhielten Kommunikationskonzepte, die genau auf ihre Bedürfnisse hin konzipiert und umgesetzt wurden. Fachkundige Anleitung gab es von der Kommunikationsmanagerin und PR-Fachfrau Vanessa Dippel, die das Projekt ins Leben gerufen hat.
Auf dem Seminarplan standen auch Diskussionen, wie das methodische Rüstzeug der Geisteswissenschaften in der freien Wirtschaft Anwendung findet. Das können einige der Studierenden demnächst selbst überprüfen: Namhafte Unternehmen haben bereits ihre Unterstützung zugesagt und attraktive Praktikumsplätze zur Verfügung gestellt.
Essayisten und Post-Autisten - die 68er des 21. Jahrhunderts? 7. März 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , einen kommentar schreibenAlles fing im Juni 2000 in einem kleinen Kreis von Pariser Wirtschaftsstudenten an. Sie wandten sich gegen die mathematisch und neoklassisch dominierten Wirtschaftswissenschaften und forderten die Einbeziehung neuerer ökonomischer Theorien. Seitdem sind mehr als fünf Jahre vergangen und die “neue Denke” hat ihre Anhänger u.a. in Harvard (USA), Cambridge (UK) aber auch in Deutschland gefunden. Der deutsche “Zweig” des “Post-Autistic Economics Network” hat ein ansehnliches Eigenleben entwickelt, das auch deutschlandweite Treffen einschließt. Als Dachverband fungiert das internationales Netzwerk unter paecon.net. Wer Gefallen an dieser studentischen Wirtschaftsbewegung gefunden hat, kann sich mit dem Buch “A Guide to What’s Wrong with Economics” versorgen. Es ist laut paecon.net als Lehrbuch für “undergraduates” und interessierte Leser angelegt.
2003 nahm sich der Soziologie-Professor Holger Rust in seinem Buch “Die sanften Managementrebellen - Wie der Nachwuchs die Chefetagen aufmischen will” der Sache an. Seine These lautete, es gäbe ein den Post-Autisten verwandtes neues “essayistisches” Mentalitätsmilieu, das sich stark von den formalistischen und egoistischen Karrieremustern der derzeitigen Elite unterscheiden würde. Die neue Art der “Essayisten” zeichne sich v.a. durch ihr interdisziplinäres und kommunikatives Weltbild aus. Sie habe dabei durchaus das Potential in den nächsten Jahren zu einer Revolution im Management heranzuwachsen, wenn, ja wenn die Beharrungskräfte des Establishments sich nicht als zu unveränderbar erweisen sollten.
Ich kann das Buch wirklich jedem empfehlen, der sich mit einer neuen Sicht auf das Management beschäftigen möchte. Das “Büchlein” ist mit 190 Seiten gut auf dem Weg zur Uni oder Arbeit zu schaffen und lässt seinen Leser fast durchweg mit einem Schmunzeln oder verschähmten Grinsen zurück. Generation Golf ist dagegen wie kalter Kaffee! Wem der Preis für das schlanke Büchlein von Holger Rust allerdings zu hoch ist, der sei auf (s)eine gut gefüllte Universitätsbiliothek verwiesen!
Bleibt die Frage: Haben wir es hier mit einer Bewegung zu tun, die nach den “68ern” der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ihren Stempel aufdrücken wird? Ich meine Ja! Da die “Essayisten” und “Post-Autisten” aber ein äußerst heterogenes und immer noch karrierebewusstes Milieu darstellen, wird sich der Wandel langsamer und unauffälliger vollziehen als es bei den 68ern der Fall war.
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Berlin, Berlin, wir machen’s wie Berlin! 30. Januar 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , 1 kommentar bisherUnsere Hauptstadt mag zwar von vielen als “Politikmetropole” abgekanzelt werden, als Nährboden für hervorragende studentische Initiativen läuft sie aber jeder anderen Stadt den Rang ab. Was auf UnternehmensGeist stets gefordert wird, setzten Berliner Geisteswissenschaftler in die Tat um: Sie gründeten mit Career Service Network ein Netzwerk für Geistes- und Sozialwissenschaftler, die ihre Zukunft in der Wirtschaft sehen. Dabei belassen es die Organisatoren nicht nur beim Reden, sondern sie bereiten den geistes- und sozialwissenschaftlichen Nachwuchs mit verschiedenen Seminaren auf die Praxis vor. Chapeau!
Bleibt zu hoffen, dass sich bald regionale Ableger an den meisten Universitäten im Land bilden und der “CSN-Spirit” das ganze Land erreicht! Weil es so schön ist, hier noch ein Artikel aus der ZEIT aus dem Jahr 2001 wie es damals anfing:
Viele Geistes- und Sozialwissenschaftler fürchten den Berufseinstieg. Berliner Studenten haben einen Verein gegründet, um ihren Kommilitonen zu helfen
Max Rauner
Die Referate im Grundkurs Psychologie sind eine Pflichtübung. Doch als Marcus Dreyer seinen Vortrag beendet hatte, war die Dozentin begeistert: Dreyer hatte seine Folien mit dem Laptop gestaltet. “Noch Wochen später lobte sie das Referat”, wundert sich der 29-Jährige, der unlängst sein Soziologiestudium an der Freien Universität Berlin abgeschlossen hat. Eigentlich sollten Präsentationstechniken zum Standardrepertoire der Universitätsausbildung gehören, gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Doch die meisten Studenten projizieren dicht beschriebene Folien auf die Leinwand und reden gegen die Tafel. Und die Professoren geben kein Feedback. “Aus der akademischen Krone würde kein Zacken brechen”, sagt Dreyer, “wenn die Fachbereiche zum Beispiel den Umgang mit verschiedenen Medien schulen würden.” Auch Angebote wie Verhandlungstechnik und Kommunikationstraining sucht man in vielen Lehrplänen vergebens. Pech für die Studierenden, denn diese so genannten Soft Skills sind in der Wirtschaft gefragter denn je.
Mit seinen Kommilitonen Tim Görts, 25, und Sven Nagel, 30, hat Dreyer vor einem Jahr einen gemeinnützigen Verein gegründet, der Geistes- und Sozialwissenschaftler auf den Berufseinstieg vorbereiten soll. Das Career Service Network, abgekürzt CSN, organisiert Bewerbungstrainings und Rhetorikkurse für Studenten sowie monatliche Veranstaltungen mit Referenten aus Industrie und Wirtschaft. Da schildern etwa ein Theologe, ein Philosoph und eine Romanistin ihren Arbeitsalltag bei McKinsey und anderen Unternehmensberatungen. Über die Internet-Branche berichteten eine Historikerin, ein Politikwissenschaftler und eine Psychologin aus IT-Unternehmen und einer Medienagentur. “Wir bevorzugen Geisteswissenschaftler als Referenten, weil die wissen, wie wir ticken”, sagt Görts. Das Interesse ist groß. Schon zur ersten Veranstaltung kamen 80 Studierende von der Freien, der Technischen und der Humboldt-Universität. Danach waren es jeden Monat 100 bis 150. Für Juni plant das CSN seine erste Podiumsdiskussion, Thema: “Was können Geisteswissenschaftler?”
Anfangs gingen die Gründungsmitglieder des Career Service Network Klinken putzen, um Sponsoren zu gewinnen. Über den Zuspruch waren sie selbst ein wenig überrascht. “Wir rannten offene Türen ein”, erinnert sich Nagel. Der Unternehmerverband Berlin-Brandenburg stellte kostenlos Räume zur Verfügung, der Zeitverlag bezuschusst seit einigen Monaten den Druck der Plakate, Bertelsmann sponsert die Homepage. An den Berliner Universitäten ist das CSN inzwischen ein Begriff. Professoren stehen auf dem Verteiler und hängen Einladungen aus, Career-Center der Universitäten (ZEIT Nr. 12/01) verweisen auf das Programm der Studenten, die Lokalpresse berichtet. Das aktive Team des CSN zählt inzwischen 30 Mitwirkende, insgesamt sind 80 Studenten und Absolventen als zahlende Mitglieder registriert. In der Vereinsarbeit sammeln die Mitglieder Praxiserfahrung und knüpfen Kontakte. Wer eine Veranstaltung organisiert, bekommt mitunter schon von einem der Referenten ein Jobangebot. “Unsere Vision ist ein großes Netzwerk aus Alumni und Studierenden”, sagt Tim Görts, “damit wir uns gegenseitig Jobs und Praktika vermitteln können.” Eines Tages auch über Berlin hinaus.
Nur jeder zehnte Absolvent landet in der Wissenschaft
In den Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften sind solche Vereine längst etabliert. Für Wirtschaftswissenschaftler vermittelt die internationale Studentenvereinigung AIESEC Praktikumsplätze im In- und Ausland. In Deutschland ist sie an allen Hochschulen mit wirtschaftswissenschaftlicher Fakultät vertreten. Für Ingenieure und Naturwissenschaftler organisieren beispielsweise die Hochschulgruppen des Vereins Deutscher Ingenieure Kontaktbörsen und Recruitment-Tage. Allein für Geistes- und Sozialwissenschaftler gab es bislang nur wenig Vergleichbares. Das liegt zum Teil an den Studierenden selbst, vermutet Dieter Grühn, promovierter Soziologe und Leiter des Career-Service der Freien Universität Berlin: “Es gibt viele Studenten in den Geistes- und Sozialwissenschaften, denen ist die Wirtschaft nach wie vor suspekt.” Dabei kommen weniger als zehn Prozent der Absolventen in wissenschaftsnahen Berufen unter. Jeder Dritte geht in die Medienbranche, ein weiteres Drittel landet in den Personal- und Marketingabteilungen von Firmen wie Siemens und Schering.
Vor drei Jahren startete Grühn einen Modellversuch zur Berufsorientierung an der Freien Universität. Dreißig ausgewählte Studenten mit Hauptfächern wie Politik- und Filmwissenschaft, Germanistik und Soziologie besuchten neben ihren Standardvorlesungen gemeinsame Kurse in Personalmanagement, Ökonomie für Nichtökonomen und Marketing, nahmen an Wochenendworkshops teil und lernten Web-Design und Öffentlichkeitsarbeit. Das Zusatzstudium kostete rund 700 Mark. Gut investiertes Geld, finden die CSN-Gründer Dreyer, Görts und Nagel, für die das Programm eine Schlüsselerfahrung war. “Wir wollten die Teamerfahrung in unseren Verein hinüberretten”, sagt Nagel, “wir wollten weiter zusammenarbeiten und andere von unseren Erfahrungen profitieren lassen.”
Zurzeit stehen die engagierten Studenten jedoch vor einem Dilemma: Um die Arbeit des Vereins weiter zu professionalisieren, brauchten sie ein kleines Büro und eine studentische Hilfskraft. Nur so wäre sichergestellt, dass der Verein weiterlebt, wenn die Gründungsmitglieder einen festen Job haben und nur noch als Alumni aktiv sind. Die Hochschulen knüpfen eine solche Förderung an Bedingungen. So möchte etwa die Freie Universität im Vereinsnamen sichtbar werden. Die Studenten verstehen sich indes als universitätsübergreifende Organisation. Und so finden sie eine alte Lehre ihres Studiums aufs Neue bestätigt: In der Praxis kann man auf die Alma Mater nicht zählen.
“Power-Nap” im Hörsaal 21. Januar 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , einen kommentar schreibenEin guter Manager soll einmal auf die Frage, welche Eigenschaft er an sich am meisten schätze, gesagt haben: “Ich kann an jedem Ort zu jeder Zeit eine Viertelstunde schlafen und so wieder neue Kraft tanken.” Heute würde man dazu sicher “Power-Nap” sagen.
Dies scheinen sich die Studenten auf einer privaten Homepage zum Vorbild genommen zu haben, worauf sie umgehend ein großangelegtes “Trainingslager” ins Leben riefen.

Mehr “Trainingseinheiten” findet Ihr hier.
Den Link verdanke ich Jo’s Welt.
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Karriere-Coach für Studenten? 12. Januar 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , 5kommentareWir alle beobachten diese Entwicklung seit Jahren: Da wo die staatlichen Hochschulen aufgrund Personal- und Geldmangels ihre Serviceleistungen zurückfahren, nehmen private Anbieter ihren Platz ein. Die neueste Beratungsleistung, die (gut gestellte oder langfristig denkende) Studenten auf diese Weise nutzen können, ist das Karriere- oder auch Studien-Coaching. Das Spektrum reicht von standardisierten Stärke-Schwäche-Analysen (z.B. vom geva-Institut) bis hin zur Einzelstunde mit dem eigenen Coach (beim “Googeln” fand ich das, das und das). Zwar hatte ich von bereits von Coaches (Heißt es nicht doch Coachs?) gelesen, die Eltern bei der Wahl des richtigen Internats/Privatschule und Führungskräfte auf dem Weg ins Top-Management beraten; auf die Idee, dass es das auch für Studenten geben müsste, kam ich allerdings nicht. Welche Tagessätze und welches Stundenhonorar verlangt man überhaupt bei einem Menschen, der (aller Erfahrung nach) sein gesamtes Geld für Studium und das restliche Leben benötigt? Regelt das der zweite KfW-Kredit neben den Studiengebühren?
Nicht, dass der falsche Eindruck entsteht, ich würde es allen Studenten missgönnen, die eine derartige Beratung in Anspruch nehmen könnten. Einen Coach (besser noch Mentor) sein Eigen nennen zu dürfen, ist genauso wertvoll das Gespräch mit Freunden - es erleichtert das Leben ungemein. Ich frage mich nur, warum es mit unserem staatlichem Hochschulsystem soweit kommen muss, dass mit dem Stillstand an deutschen Universitäten noch Geld verdient wird.
Die Schuld daran trifft sicher nicht die Berater, im Gegenteil, sie springen wenigstens in die Bresche, wo sonst niemand hilft. Aber ein Mindestmaß an Beratung von Hochschulseite sollte jeder Student erhalten können - möglichst über die eingschlägigen veralteten Arbeitsamtbroschüren hinaus. Wer es sich dennoch leisten kann, auf bezahlte Hilfe zurückzugreifen, der sei darum beneidet!
Die Welt der “Postgraduierten” 19. Dezember 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , einen kommentar schreibenWer glaubt mit dem akademischen Abschluss ist alles geschafft, kennt die Welt der “Postgraduierten” nicht.






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