Generation Angst - Studenten und die Zukunft 13. Dezember 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : German Angst , 2kommentareViele Studien kann man ja getrost mit Nichtbeachtung bestrafen. Die Jugendstudie von Manager Magazin und McKinsey zur Befindlichkeit der Studenten-“Generation 05″ hält aber die ein oder andere Überraschung bereit: Die Grundstimmung der Jungakademiker passt sich wohl eher der gefühlten Stimmung im Lande an und die ist pessimistisch!
- Den größten Wert auf soziale Anerkennung legen - wir ahnen es alle - die Betriebswirte.
Studierende der Wirtschaftswissenschaften streben gegenüber dem Durchschnitt deutlich stärker nach Anerkennung der eigenen Leistung, nach einer Führungsposition beziehungsweise der Übernahme von Verantwortung und Möglichkeiten der Weiterbildung; auffallend weniger häufig betrachten sie das ausgewogene Verhältnis von Arbeit und Privatleben als sehr wichtig. Auch die Einstufung von hohem Einkommen und Prestige der Position liegt in dieser Gruppe erheblich über der aller Studierenden.
- Was die Breitschaft zum Jobwechsel angeht zeigen sich Juristen und Naturwissenschaftler am behäbigsten. BWLer sind da etwas flinker. Geistes- und Sozialwissenschaftler sind wahrscheinlich gar nicht aufgeführt, weil sie von der ersten Stunde ihres Berufes den Wechsel (zur Sicherheit) im Hinterkopf haben.

Eine ähnlich große Gruppe (14 Prozent) wie diejenige, die an einen dauerhaften Verbleib in ihrem Beruf glaubt, hält sogar “häufige” Berufswechsel für wahrscheinlich. Knapp ein Sechstel (16 Prozent) vermag hierzu keine Einschätzung abzugeben. Juristen und Naturwissenschaftler unter den Studierenden sehen sich überdurchschnittlich häufig für das ganze Erwerbsleben im selben Beruf, während Wirtschaftswissenschaftler vermehrt den einen oder anderen Berufswechsel antizipieren.
- Das Thema Selbstständigkeit scheint Abwehrreaktionen bei Geistes- udn Sozialwissenschaftlern auszulösen. Wieder einmal sind die BWLer unternehmungslustiger.
Rund ein Viertel betrachtet eine solche Option[die Selbstständigkeit] immerhin noch als Notlösung (24 Prozent), rigoros ablehnend äußern sich nur 13 Prozent, darunter vergleichsweise häufiger die Naturwissenschaftler sowie die Geistes- und Sozialwissenschaftler, aber auch die Jüngsten und die Studentinnen. Wirtschaftswissenschaftler hingegen planen sogar zu 19 Prozent eine selbständige Existenz ein, für 42 Prozent käme diese Alternative zur abhängigen Beschäftigung zumindest in Frage, für weitere 24 Prozent auch noch als Notlösung.
- Obwohl ich immer wieder lese, dass eine große Mehrheit der Absolventen nicht ins Ausland gehen will, sehen sich wohl auch viele aufgrund der wirtschaftlichen Lage dazu gezwungen.

Die überraschend große Bereitschaft, die berufliche Existenz gegebenenfalls ins Ausland zu verlegen, hängt offenbar mit verbreiteten Zweifeln zusammen, ob man für sich von einer gesicherten Zukunft in Deutschland ausgehen kann. Die Meinungen hierzu sind gespalten: 40 Prozent hegen eher zuversichtliche Zukunftserwartungen, einige mehr hingegen, nämlich 44 Prozent, rechnen eher mit dem Gegenteil. 15 Prozent können oder wollen sich hier nicht festlegen. Die Studentinnen (53 Prozent) sind deutlich pessimistischer als die Studenten (35 Prozent). Im Vergleich der verschiedenen Fachrichtungen äußern sich die Juristen am zuversichtlichsten (52 Prozent Optimisten zu 39 Prozent Pessimisten), am skeptischsten die Wirtschaftswissenschaftler (31 Prozent Optimisten zu 59 Prozent Pessimisten).
- Enttäuscht hat mich ein wenig das negative Bild der befragten Studenten über Deutschlands Manager. Wollen die Kritiker nicht irgendwann einmal selbst Verantwortung tragen, egal ob in der Wirtschaft, Gesellschaft oder in der Politik?

Das deutschlandkritische Bild der Befragten setzt sich fort in der Bewertung der deutschen Manager. Die Liste der Negativ-Eigenschaften, die von den Studierenden hervorgehoben werden (trifft “voll und ganz” oder “überwiegend” zu), ist länger als die der positiven. 71 Prozent halten die deutschen Manager für “überbezahlt”, 62 Prozent stimmen der Charakterisierung zu, sie seien nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Von 45 Prozent wird zwar das internationale Niveau anerkannt, 39 Prozent stellen aber zugleich auch Überforderung fest.
Arbeitslosigkeit als Nr. 1 Angstmacher 1. September 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : German Angst , einen kommentar schreibenNun ist es amtlich: Die Arbeitslosigkeit ist laut einer neuen GfK-Umfrage für 81% der Deutschen der größte Angstmacher. Und wieder einmal belegen wir in Europa einen ersten Platz in einer Looser-Kategorie. Nur wer wollte etwas von dieser wahrlich schwer nachvollziehbaren Sorge von Absolventen in Deutschland eigentlich wissen? Die angestellten Akademiker für ihr unterbezahltes Ego oder die arbeitsuchenden Geistes- und Sozialwissenschaftler für eine Runde Selbstmitleid?
Offensichtlich sind es wieder mal nur die Printmedien, die noch eine Spalte vollkriegen mussten. Dabei entgeht Ihnen natürlich völlig, dass sie dieses kollektive Angstgefühl in der Bevölkerung und v.a. bei Absolventen nur noch weiter anfeuern. Als gäbe jemand die Parole aus: Hey Folks, der Aufschwung lässt noch ein bisschen auf sich warten, aber wenn er da ist, könnt ihr sicher sein, dass wir auch darüber berichten werden! Wie man es anders machen kann, zeigte RTL II (!!) mit seiner mehrteiligen Serie “Wunderland Deutschland”. Es geht auch anders und das ganz ohne deutschen Betroffenheitshabitus. Ein netter Nebeneffekt: Die Reportage gab einen Einblick in die “Hidden Champions” des deutschen Mittelstands!
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German Angst 30. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : German Angst , einen kommentar schreibenAngeregt durch den Artikel von Otto Buchegger zur German Disease stieß ich auf zdf.de auf einen äußerst lesenswerten Beitrag. Aus meiner Sicht deshalb lesenswert, weil ich glaube, dass diese Angst vor Veränderung oder Fortschritt in gewisser Weise übertragbar ist auf die Zukunftserwartung von vielen Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Die ketzerische Frage dazu könnte lauten: Warum Neues in der Wirtschaft entdecken, wenn die altbekannten Hochschulstrukturen einem so vertraut sind? Wer einen/mehrere Gegenpunkt(e) aufmachen will, ist herzlich dazu eingeladen. Feuer frei!
WARUM UNS FORTSCHRITT DEN SCHLAF RAUBT von Fabian Mohr, 25.04.2005
Was Wissenschaftler fasziniert, löst bei Normalbürgern oft massive Ängste aus. Man nennt es die “German angst”: Die diffuse Furcht vor Veränderung. Dass neue Technik oft auf Widerstand stößt, hat durchaus Gründe: Nicht immer ist Fortschritt ein Segen - auch die Atombombe war schließlich eine Erfindung. Doch Wissenschaftler schlagen Alarm: Deutschland macht sich einfach zu viele Sorgen.
Schwindsucht, gar Tod - und das bereits ab Tempo 30. Den ersten Passagieren der deutschen Eisenbahn prophezeiten Ärzte noch ein jähes Ableben. Heute wissen wir: Zugfahren zwischen Nürnberg und Fürth war 1835, als die “Ludwigsbahn” das Eisenbahnzeitalter auch in Deutschland einläutete, eine gemütliche Angelegenheit - auf der gut sechs Kilometer langen Schienenstrecke bestand außer mäßiger Zugluft keine Gefahr für Leib oder Leben.
Was in der Rückschau amüsiert, ist doch ein frühes Beispiel für die immer wieder zu beobachtende Angst vor dem Neuen. So sehr Forschung und Erfindungen viele Menschen faszinieren - so tief sitzen Sorgen und Vorbehalte gegen neue Technologien.
So unwahrscheinlich wie lebensgefährlich
Sogar verschiedene Typen von Angst lassen sich festmachen - abstrakte Bedrohungen ebenso wie Bedenken, die der Alltag mit sich bringt. Zum Beispiel Atomkraft und “Genfood”: Zwar weiß jeder, dass das statistische Risiko für den Nuklear-”Gau” im eigenen Vorgarten minimal ist. Und dennoch macht Atomkraft vielen Angst. Weil, im Falle des Falles, die Katastrophe apokalyptische Ausmaße hätte.
Anders das Unwohlsein bei gentechnisch manipulierten Nahrungsmitteln: Niemand fürchtet ernsthaft, beim Verzehr einer Gen-Tomate tot vom Stuhl zu fallen. Doch die relative Ungefährlichkeit wird durch die Alltäglichkeit der gefühlten Bedrohung wieder aufgehoben: Beim Einkaufen im Supermarkt werden wir jeden Tag mit der Frage konfrontiert, ob Gemüse, Obst oder andere Lebensmittel unbedenklich sind. Dass uns “Genfood” nicht geheuer ist, liegt auch am Unsichtbaren des vermeintlichen Fortschritts: Maiskolben ist, rein äußerlich, Maiskolben. Wir sehen nicht, was in ihm tickt, können es nicht schmecken, nicht riechen. Das macht Angst.
Es gibt Gründe dafür, dass wir auf Fortschritt selten euphorisch, eher mit Zurückhaltung reagieren. Wer die Geschichte der großen Erfindungen Revue passieren lässt, muss sich vom seligen Bild des forschenden Weltverbesserers schnell verabschieden. Erfinder brachten uns nicht nur Penicillin, elektrisches Licht und Flugzeuge. Ebenso tüftelten Forscher mit Leidenschaft an todbringenden Raketen, entwickelten Landminen und perfektionierten das Maschinengewehr. Auch gut gemeinte Forschung endete mitunter in der Katastrophe: Contergan ist der bekannteste Fall in Deutschland.
Die eigene Forschung hinterfragen
Nicht, dass nur Normalsterbliche Angst hatten und haben vor technischen Neuerungen: Auch Wissenschaftler selbst hinterfragen die Konsequenzen ihres Tuns. Es geht um eine Kernfrage allen Erfindens: Ist das, was ich im Labor ausbrüte, vor der Welt verantwortbar? Eine Frage, die die Erbauer der ersten Atombombe leidenschaftlich diskutierten. Und mit Ja beantworteten.
Auch in unserem Rechtssystem hat die Angst vor technischen Risiken ihre Spuren hinterlassen. Juristen sprechen vom Prinzip der Gefährdungshaftung. Technologien wie Eisenbahn oder Atomenergie werden als grundsätzlich risikobehaftet eingestuft. Im Falle eines Unglücks oder einer Katastrophe muss der Betreiber deshalb für Schäden geradestehen - egal, ob ihm ein Verschulden nachzuweisen ist oder nicht. Gleiches gilt für Bauern, die gentechnisches Saatgut ausbringen.
“Traditionell gestörtes Verhältnis”
Kritische Distanz zum Fortschrittsglauben halten seit jeher auch die Vordenker der Nation. Man habe es mit einem “traditionell gestörten Verhältnis” zwischen Technik und Geisteswissenschaften zu tun, beschwerte sich der Publizist Michael Naumann. Dabei lagen Philosophen wie Günther Anders durchaus nicht falsch: Ohne Frage konnte und kann Technik nicht nur den Alltag erleichtern, sondern auch das Böse, das Verbrechen.
An Warnungen besteht weiterhin kein Mangel. Für Aufsehen sorgte etwa der Artikel “Why the Future doesn’t need us” des US-Amerikaners Bill Joy, in der er die Gefahr einer sich verselbstständigenden Nanotechnologie beschwört. Sein Worst-Case-Szenario: Eines Tages wird Nanotech auf den Homo sapiens verzichten wollen. Wir werden überflüssig.
Magie statt Technik
Erschwert wird der Umgang mit Fortschrittsängsten überdies durch die immense Komplexität von technischen Neuerungen. Was keiner mehr versteht, wird schnell zur “Zauberei”: Entsprechend reagieren wir - nicht rational, eher ergriffen bis erschrocken. Nüchterne Abwägung fällt da schwer. Zumal das Tempo, in der Erfindungen über uns hinwegrollen, immer rasanter wird. Auch das löst Ängste aus - besonders, wenn die Neuerungen das Berufsleben betreffen, also unvermeidbar sind.
Wie unbegründete Ängste abgebaut werden können, wird intensiv diskutiert - denn die “German angst”, so der geflügelte Begriff, ist längst auch ein ökonomisches Problem geworden. Transparenz und Vertrauenswürdigkeit sind Begriffe, die in diesem Zusammenhang immer wieder fallen. Wo kein hundertprozentiges Vertrauen in Institutionen oder Konzerne herrscht, plädieren die meisten weiter für “null Risiko”. Mobilfunkunternehmen bekommen das deutlich zu spüren: Geben ihre Untersuchungen auch noch so oft gesundheitliche Entwarnung bei Handystrahlung und Funkmasten - ob man ihnen trauen kann, steht auf einem anderen Blatt Papier.
“Was mich rettet, muss gut sein…”
Ein weiterer Ansatz: Den Nutzen von Forschung für den Einzelnen stärker in den Vordergrund spielen. Wo moderne Technologien wie die Genom-Wissenschaft versprechen, die Menschen von ihren Urängsten (z.B. Krankheit) zu befreien, wendet sich das Blatt - Skeptiker können zu Befürwortern werden.
Verglichen mit den 80er-Jahren, als Tschernobyl und Challenger-Absturz auf Jahre das Bild von gefährlich-unkontrollierbarer Technik prägten, ist die Angst vor dem Neuen aber zumindest nicht größer geworden. Inzwischen ist es wieder “en vogue”, Riskobereitschaft zu fordern. Doch bis sich ungebremster
- nicht unreflektierter - Entdeckergeist in Deutschland breitmacht, werden vermutlich Jahre vergehen. Noch zu tief verankert ist die “Culture of fear”, von der Frank Furedi sprach. Mit den Methoden des 19. Jahrhunderts ist dieser Kultur der Angst jedenfalls nicht beizukommen: Der Lokführer des “Adler” arbeitete 1835 noch in Frack und Zylinder - eine frühe vertrauensbildende Maßnahme.
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