Von Humboldtianern und Bolognesern 19. April 2009
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Pressespiegel, Studentischer Geist , trackbackBei Reformprozessen sammeln sich die Lager meist um zwei Hauptmeinungen. Gerade in Deutschland finden sich dafür schnell Initiativen, Vereine und Interessensgemeinschaften. Nur bei der Reform der Hochschulen scheint das nicht so zu sein. Uwe Schimank plädiert in der FAZ (“Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort”) dafür, eben diese Lager der “Humboldtianer” und “Bologneser” klar zu benennen.
Das scheint einleuchtend, wenn es daran gehen soll an einer dritten vermittelnden Lösung zu arbeiten. Dann hätten wir in Deutschland sicher auch eine offenere und lebendigere Diskussion über die (Aus-)Bildung zukünftiger Generationen.
Erstens: Humboldt ist der richtige Mann am richtigen Ort: Das hieße, dass die neuen Studiengangsstrukturen das Gebot der Stunde sind, um das nach wie vor gültige klassische universitäre Bildungsverständnis unter veränderten heutigen Bedingungen fortzuführen. Dies ist die Kontinuitätsthese: Das Alte muss und kann erneuert werden.
Zweitens: Humboldt ist der falsche Mann am richtigen Ort: Das bedeutete, dass die neuen Studiengangsstrukturen sachlich geboten sind und das klassische universitäre Bildungsverständnis ablösen müssen. Dies ist die Diskontinuitätsthese in funktionaler Lesart: Das Neue muss her, das Alte muss verschwinden.
Drittens: Humboldt ist der richtige Mann am falschen Ort: Das klassische universitäre Bildungsverständnis wäre, so verstanden, nach wie vor sachgerecht, kann aber in den neuen Studiengangsstrukturen unglücklicherweise nicht mehr zur Geltung gebracht werden. Dies ist die Diskontinuitätsthese in dysfunktionaler Lesart, also die Krisenthese: Das falsche Neue verdrängt das richtige Alte.
Viertens: Schließlich, gegen diese drei Lesarten von Bologna, die meines Titels: Humboldt ist der falsche Mann am falschen Ort. Weder können wir heute das klassische universitäre Bildungsverständnis fortführen, noch sind stattdessen die neuen Studiengangsstrukturen die Lösung. Dies ist die zugespitzte Krisenthese: Das Alte und das Neue prallen aufeinander, aber beide taugen nichts.