Die Geisteswissenschaften und die interessierte Öffentlichkeit 8. Februar 2009
Veröffentlicht von Frank Walzel in : GeistesWissenSchaft , 1 kommentar bisherNachdem ich viel zu häufig Zustände bemängele, ist es auch mal an der Zeit sich über interessante Angebote im Internet zu freuen. Durch Zufall stieß ich auf das Weblog die “Gute Stube” von Carsten Könneker. Als Verlagsleiter der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft ist es seine Aufgabe wissenschaftliche Themen allgemein verständlich aufzuarbeiten. Besonders ist ihm das bei der Thema “Geisteswissenschaften und Öffentlichkeit” gelungen. Auf die Frage, warum Natur- und Ingenieurwissenschaften stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, hat er vier Gründe:
1. Ihre Untersuchungsgegenstände sind oft weniger konkret. Man könnte auch sagen, sie sind nur schwer superlativierbar - eine wichtige Voraussetzung, um etwa schon Kinder für Forschung zu begeistern. So sind im Guinness-Buch der Rekorde jährlich grob geschätzt 80% der Einträge irgendwie naturwissenschaftlich-technisch konnotiert. Breite, vor allem “bildungsferne” Bevölkerungsschichten begegnen Wissen und Wissenschaft aber nun einmal über Superlative und Metaphern. Genau darauf setzen auch populärwissenschaftliche Medien (”Die größten Rätsel der Physik”; “Schwarze Löcher im Universum”)*
2. Die Naturwissenschaften werden fast ausschließlich über Anwendungen (Hybridmotor) oder über Grundlagenforschung (Higgs-Boson-Nachweis am LHC?) wahrgenommen. Die theoretischen Naturwissenschaften werden außerhalb der Scientific Community ebenfalls kaum beachtet. Damit teilen sie das “Schicksal” der Geisteswissenschaften.
Dabei haben auch die Geisteswissenschaften vielfältige Anwendungsbezüge und bauen nicht etwa Luftschlösser. So sind bei der Erschließung neuer Erzlagerstätten sowie in der Hydrogeologie vielfach Ethnologen, Regional- und Religionswissenschaftler sowie Kulturgeografen beteiligt.** Nur leider findet ihr Beitrag öffentlich nur wenig Beachtung, ebenso wenig wie etwa die Bedeutung linguistischer Forschungen für die Entwicklung von Spracherkennungsprogrammen.)
3. Genauso wie es anwendungsorientierte Geisteswissenschaften gibt, gibt es geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung. Doch dies wird selbst innerhalb der Institutsmauern und Hörsäle kaum registriert, geschweige denn in TV-Wissensmagazinen oder auf den Wissenschaftsseiten der Zeitungen. Die Voraussetzungen von Wissenschaft sind selbst vielen Studierenden naturwissenschaftlicher Fächer nicht klar (und werden ihnen seitens der Dozenten auch nicht klar gemacht). Hier ist die Wissenschafts- oder Erkenntnistheorie zugange, also die Philosophie. Vielleicht könnten ja Naturwissenschaftler dazu beitragen, die Bedeutung geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung mehr hervorzuheben!
4. In der breiten Allgemeinheit, behaupte ich einmal, werden Geisteswissenschaften häufig gar nicht als Wissenschaften angesehen. Viele Menschen außerhalb der Universitäten reduzieren den Aufgaben- und Kompetenzbereich von Germanisten, Historikern, Geografen usw. auf die Ausbildung von Lehrern (Ein Physiker “schraubt”, “beobachtet”, “misst” … ein Anglist “unterrichtet” angehende Englischlehrer, ein Geograf angehende Erdkundelehrer.)