Literaturkurs für Harvard-Managerausbildung
Im “Harvard Business manager” (Mai 2006) beschreibt in einem Gespräch ein Dozent der Harvard Business School, wie er mit Belletristik Managern Führungsqualitäten vermittelt.
Hier eine Zusammenfassung:
Joseph Badaracco sagt, “MBA-Studenten bräuchten vielleicht etwas weniger Wissen über quantitative Tools und etwas mehr Urteilsvermögen, Selbsterkenntnis sowie ein tieferes Verständnis des menschlichen Wesens”. Formelhafte Managementtools würden vielleicht gut funktionieren, wenn man Techniken zur monetären Bewertung studiert. “Sie sind aber weniger hilfreich, wenn man sich mit Fragen der Führung und Organisation beschäftigt. Studenten könnten wesentlich mehr über diese Themen lernen, wenn sie einen Literaturkurs belegten. Romane können hier so lehrreich sein wie jedes Business-Lehrbuch”, so Badaracco.
Der Dozent nutzt Literatur, um seinen Studenten komplexe Bilder von Führungspersönlichkeiten aus allen Schichten zu liefern. Diese literarischen Personen seien mit Herausforderungen insbesondere psychologischer Art konfrontiert, die denen von Managern gleichen. Texte wie Sophokles “Antigone” helfen, Fragen der Führung, Entscheidungsfindung und der moralischen Wertung besser zu verstehen.
Die Literatur liefere die kraftvollsten und fesselnsten Fallstudien, die je geschrieben wurden. “Denken Sie an Shakespeares “Julius Caesar”: Aus diesem Stück kann man genauso viel über Führung lernen wie aus der Lektüre irgendeines Wirtschaftsbuchs oder einer wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift. Seine Lektionen sind mit Sicherheit nicht weniger wertvoll und womöglich ebenso pragmatisch.”
Im Gegensatz zu zeitgenössischer Management-Literatur, die gnadenlos euphorisch daherkommt, sei Belletristik schonungslos realistisch. “Wir finden dort keine schnellen Inspirationstreffer, keine Geschichten von ungetrübtem Erfolg und keine Fünf-Schritte-zum-Glück-Programme. Die in der Literatur dargestellten Führungspersönlichkeiten stürzen zuweilen und müssen oft kämpfen. [...] Wenn Manager von den Kämpfen literarischer Figuren lesen, können sie ihre eigenen Konflikte besser verstehen.”
Jarek (anonym) schrieb am 17 Jun 2006 um 3:33 pm ¶
TITLE: Social Entrepreneurs
Sehr geerhte Frau Dippel,
den Artikel im “Havard Business Manager” habe ich ebenfalls gelesen. Und in dem Zusammenhang (war das die gleiche Ausgabe von HBM ?) ist mir Arthur Millers Drama “Tod eines Handlungsreisenden” in Erinnerung geblieben. Es ist schon interessant: in Zeiten des wirtschaftlichen Wandels sind Führungskräfte dazu aufgefordert, Visionen und Träume zu entwickeln und zu realisieren. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass man “die falschen Träume” träumt. Ich denke, dass sich eine professionelle Introspektion durch eine Auseinandersetzung mit literarischen Figuren sehr gut trainieren lässt.
Ebenfalls im HBM habe ich einen Literaturhinweis ernst genommen: Die Welt verändern. Social Entrepreneurs und die Kraft neuer Ideen. David Bornstein
Hier beschreibt der Autor Persönlichkeiten, die “unternehmerische Fähigkeiten mit einer starken ethischen Überzeugung” verbinden und gesellschaftliche Strukturen von unten (bottom-up) nachhaltig verändern.
Der Autor sprich hier von der Entstehung eines neuen globalen Bürgersektors. Meiner Meinung nach ein Thema für Geistes- und Sozialwissenschaftler. Eine vollständige Bewertung kommt aber später.
Gruß
Jarek
Frank Walzel schrieb am 05 Jul 2006 um 10:43 am ¶
TITLE: Klassiker als Erfahrungsschatz für die Wirtschaft
So sehr ich den Literaturkurs für Harvard-MBA-Studenten unterstütze, so sehr wundere ich mich darüber, warum erst jetzt der Erfahrungsschatz von Literatur (insbesondere der von Klassikern) erkannt wird. Es ist offenes Geheimnis, dass
a) Wirtschaftsstudenten nur unzureichendes Wissen über Literatur und deren Inhalte haben und
b) ein Heer von Beratern/Autoren von dieser Unkenntnis profitiert, indem es fleißig davon abschreibt.
Die Probleme, Ängste und Sorgen, mit denen der Mensch im Laufe des Lebens konfrontiert wird, wurden so gut wie alle schon einmal zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Zugegeben, der Versuch, sich durch einen Großteil der Titel zu lesen, ist eine Herausforderung an Geist und Zeit und nicht jedermanns Sache. Der Fallstudienkurs á la Julius Cäsar oder Shakespeare kommt für MBA-Studenten ein wenig (zu) spät. Na ja, besser spät aus Klassikern lernen, als nie von ihnen lernen.
Vanessa (anonym) schrieb am 06 Jul 2006 um 10:07 pm ¶
REPLY:
TITLE:
Lustig an diesen Kursen finde ich vor allem: Da mühen sich die Literaturwissenschaften um objektive Wissenschaftlichkeit, fangen an, Texte in kleinste Einheiten zu zerlegen, Worte und Vokale zu zählen, bauen sich den Strukturalismus auf, verachten Biographismus und von Beispielhaftigkeit der Inhalte oder gar moralische Rückschlüsse auf das “wahre Leben”. Und da kommen ausgerechnet die Wirtschaftswissenschaftler und besprechen die Bücher als wären es Leben aus Fleisch und Blut. Keine narratologischen Überlegungen, ja noch nicht mal ein Ansatz psychoanalytischer Betrachtung: Nein, sie nehmen Texte als reinen Erfahrungsschatz zur Erbauung und zum Bilden der eigenen Persönlichkeit. Also, ich finde das sehr erfrischend. Vielleicht darf man dann zukünftig als Literaturwissenschaftler einen Text auch einfach mal wieder “schön” finden