War es das jetzt mit der “Generation Praktikum”? 24. Mai 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Pressespiegel , 1 kommentar bisherDa hatte sich bei mir der Eindruck festgesetzt, dass an der “Generation Praktikum” wirklich etwas dran ist und jetzt behauptet FAZ-Redakteur Sven Astheimer in einem Kommentar (FAZ, Nr. 115, 18.06.06, S. 13), es handele sich hierbei um eine “Mär von der Generation Praktikum“. Was soll man nun glauben? Auf sein Gefühl vertrauen und weiter nach Statistiken suchen, die die Praktikantenheere ausweisen oder wie Astheimer auf den demographischen Wandel und den steigenden Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften setzen?
Noch weniger begründet scheinen Sorgen um die künftigen Beschäftigungschancen von Akademikern. Fachleute wie die Soziologin Jutta Allmendinger, Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, erwarten, daß diese weiter steigen. Denn die kontinuierliche Veränderung im Beschäftigungssystem einer Dienstleistungsgesellschaft geht einher mit einer steigenden Nachfrage nach Höherqualifizierung. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Erwerbspersonen bis zur Mitte des Jahrhunderts stark ab. Dieser demographische Wandel wird für einen Mangel an Hochqualifizierten sorgen.
Nur gut, dass Astheimer auch ein Herz für Geistes- und Sozialwissenschaftler hat und ihnen gegenüber Ingenieuren und Betriebswirten bessere Karten für die Zukunft auf den Tisch legt:
Künftig dürfte sich die Tür zum Arbeitsmarkt auch für andere Akademikergruppen ein ganzes Stück weiter öffnen - Geistes- und Sozialwissenschaftler etwa, um deren Chancen es heute noch deutlich schlechter bestellt ist als um die von Ingenieuren oder Wirtschaftswissenschaftlern.
Wenn man in Betracht zieht, dass die Tür noch nie sehr weit offen stand (höchstens einen Spalt, um hineinzulugen), werden die “Exoten” also zukünftig immerhin einen Fuß in der Tür unterbringen. Zu verdanken haben sie das (hört, hört!) den “Arbeitstechniken”; auf UnternehmensGeist und anderswo wird auch gerne mal vom alten Hut der Methodenkompetenz geistes- und sozialwissenschaftlicher Absolventen gesprochen.
Denn gefragt sein werden in Zukunft vor allem die Arbeitstechniken, die sich Studenten aneignen: etwa methodisch und strategisch vorzugehen, Netzwerke aufzubauen und sich Inhalte schnell aneignen und präsentieren zu können.
Wenn das ein Anforderungsprofil zukünftiger Akademiker sein soll, dürften Geistes- und Sozialwissenschaftler bald im oberen Mittelfeld mitspielen, um in der Fußball-Rhetorik zu sprechen. Allerdings werde ich den Eindruck nicht los, dass Astheimer eher auf Großunternehmen abzielt, während die “Generation Praktikum” v.a. in kleineren Unternehmen, sprich KMU, anzutreffen ist. Dort muss aus Inhaber-/Unternehmersicht auf die “(Arbeits-)Kostenbremse” gestiegen werden. Anstand und Moral bleiben da “zum Wohle und Erhalt der Firma” sprichwörtlich auf der Straße, denn in den Büros haben sie keinen Platz. Ich halte daher Astheimers Abgesang über die “Generation Praktikum” für übertrieben, da er die momentane Situation und die volle Breite der Diskussion ausklammert bzw. einfach ignoriert.
PS: Gegen seine Prognose hätte ich allerdings auch nichts einzuwenden.