zur navigation

Geist und Geld - was sich liebt, das neckt sich! 30. April 2006

Veröffentlicht von Frank Walzel in : Wirtschaftsethik , 3kommentare

So langsam finden zwei Disziplinen zusammen, die die meisten vor zwanzig Jahren nicht einmal in einem Satz gebraucht hätten. Da aber unsere (Wirtschafts-)Welt zunehmend komplexer wird und damit auch die Möglichkeiten von Führungskräften steigen, Fehler zu machen (absichtlich oder unabsichtlich), wird der Ruf nach einem Korrektiv immer lauter. Das ist doch mal eine Aufgabe für wirtschaftsaffine Geisteswissenschaftler!

Weitere Artikel zum Verhältnis von Philosophie finden sich übrigens unter der Rubrik Wirtschaftsethik.

Philosophie und Wirtschaft nähern sich einander an

Hamburg (dpa) - Thales ist bekanntlich, während er die Geheimnisse des Himmels ergründete, in einen Brunnen gefallen. Dass nach diesem symbolhaften Missgeschick des Vaters der Philosophie seine heutigen Nachfahren ausgerechnet Interesse für die Wirtschaft zeigen, ist verwunderlich. In der Tat gibt es noch von beiden Seiten Vorbehalte. Doch Veränderungen zeichnen sich ab - verstärkt leiten und organisieren freiberufliche Philosophen Seminare speziell für Führungskräfte.

Und immer öfter klopfen Studienabsolventen der philosophischen Fakultäten bei den Personalchefs von Unternehmen an. Umgekehrt trete die Wirtschaft vor allem an Experten für Ethik heran, meint der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß. Und exzentrische Denker seien gerade wegen ihrer Unkonventionalität gern gesehene Gäste in den Chefetagen. Bestes Beispiel hierfür ist Tom Morris, Autor der “Philosophie für Dummies”. Der amerikanische Philosoph lehrte 15 Jahre an einer Universität, bevor er anfing, vor Geschäftsleuten und Belegschaften von High-Tech-Firmen “die besten Ideen der besten Denker aller Zeiten” spektakulär in Szene zu setzen. Morris glaubt, dass die Menschen dann anfangen, sich tiefere Fragen zu stellen, wenn sie übermäßig viel Geld haben. Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben: Morris gilt inzwischen als der bestbezahlte Vertreter seiner Zunft.

Klaus-Jürgen Grün dagegen ist ein Grenzgänger zwischen akademischer und privatwirtschaftlicher Welt. Er betreibt ein “Philosophisches Kolleg für Führungskräfte” und unterrichtet zugleich an der Universität in Frankfurt am Main. Spannend wird es für ihn, wenn in seinen Seminaren erfahrene Manager und Studierende über Marx diskutieren. “Die Philosophie in den Elfenbeintürmen hat sich leer gelaufen”, sagt Grün und lobt seine Kunden aus der Wirtschaft: “Diese haben nicht nur einen ungetrübten Blick auf die Realität, sondern auch ein aufrichtiges Interesse daran, dass es noch mehr gibt als die Gesetze des Marktes und der rohen Natur.” Von Seiten der akademischen Philosophie sieht Jürgen Mittelstraß, der neben seiner Professur in vielen Kuratorien von Unternehmensstiftungen tätig ist, den Bezug zur Wirtschaft vor allem im Feld der Ethik. Hierfür gebe es in der Wirtschaft genauso wie in der Biologie und Gentechnik zurzeit einen großen Bedarf. “Philosophischer Sachverstand ist hier gefragt und die Philosophen kommen dem Wunsch gern entgegen”, sagt Mittelstraß.

Das zeigt sich unter anderem darin, dass an deutschen Universitäten in den vergangenen Jahren mehrere Professuren für Wirtschaftsethik eingerichtet wurden. Und für den Verein deutscher Ingenieure (VDI) haben kürzlich Technik-Philosophen unter der Leitung des Stuttgarter Professors Christoph Hubig “Ethische Grundsätze des Ingenieurberufs” formuliert. Die Berufsperspektiven von Philosophen in der Privatwirtschaft diskutieren Fachleute auf den Internetseiten der Zeitschrift “Information Philosophie” (www.information-philosophie.de). Der Schweizer Unternehmensberater Richard Egger beispielsweise, Autor des Buches “Die philosophische Werkzeugkiste”, gibt detaillierte Tipps, wie Absolventen des Fachs als Organisationsberater tätig werden können.

Dagegen sieht man bei der Akademikerberatung des Arbeitsamtes Stuttgart noch keine Trendwende. “Zwar sind auch Philosophen”, so Beate Hentschel-Schroeder, “inzwischen eher bereit, in die Privatwirtschaft zu gehen. Doch das liegt auch daran, dass die Stellen an den Universitäten und bei den Verlagen weniger werden.” Die Personalchefs reagieren trotz des aktuellen Trends, mehr auf die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten zu achten, noch verhalten. Wolfgang Schlatter von Daimler Chrysler jedenfalls meint: “Gezielt suchen wir nur Ingenieure und IT-Spezialisten. Geisteswissenschaftler kommen hingegen von selbst.”

Von Thomas Oser

Literaturtipps: