zur navigation

Über den Martkwert der Geisteswissenschaften 20. April 2006

Veröffentlicht von Frank Walzel in : Pressespiegel , einen kommentar schreiben

Dass die geisteswissenschaftlichen Studienfächer einen Bereicherung für die Gesellschaft sind, gilt als unbestritten. Versuche, den volkswirtschaftlichen bzw. betriebswirtschatlichen Nutzen der Geisteswissenschaften darzustellen, blieben stets auf halber Strecke stecken und vermochten nicht zu überzeugen. Ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau versucht der Frage nachzugehen. Wie so oft müssen die Philosophen als “Vorzeige-Geisteswissenschaftler” ihren Kopf hinhalten. Wie dumm nur, dass Philosophie im engeren Sinne eher als “Sonderfall” Prinzipienwissenschaft gilt; das sollte aber beim Lesen nicht stören :-).

Geist und willig

Die Karrierechancen von Philosophen in der Wirtschaft / Marktwert der Weisheit

Von Elisabeth Oehler

Die Lehre der Weisheit gilt nach wie vor als brotlose Kunst. Wer sie dennoch als Grundausbildung wählt, wird als hoffnungsloser Fall bedauert. Denn außer der Dozentenstelle an einer Hochschule bietet ein Abschluss in Philosophie keine direkte Beschäftigungsmöglichkeit. Trotzdem schließen jährlich rund 400 Studierende ein Hauptfachstudium in Philosophie ab. Dass die Absolventen nicht alle Hochschuldozenten werden können, ist klar. Was aber hat ein Philosoph der Wirtschaft zu bieten? Einiges. Das jedenfalls behaupten Leute wie Matthias Rath, Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Obwohl: “Als Philosoph werden Sie für einen lebenspraktischen Idioten gehalten, der zwar viel weiß, aber nicht mit Messer und Gabel essen kann”, beschreibt Rath seine Erfahrungen mit Firmenvertretern. Er liefert für die Vorurteile gegenüber seiner Zunft auch eine Erklärung: “Philosophie ist keine Handlungsdisziplin wie Betriebswirtschaft oder Jura, sondern eine Erkenntnisdisziplin.” Anstelle praktischer Fähigkeiten verfüge ein Philosoph über analytisches Können, das auf dem Arbeitsmarkt lange nicht gefragt gewesen sei.

Das habe sich aber inzwischen geändert, sagt Rath. Weil die Unternehmer bemerkten, “dass sie nicht mehr auf der Insel der Seligen wohnen”. Jeden Morgen komme “die moralische Infragestellung ökonomischen Handelns durch die Werkstore und Bürotüren in die Unternehmen”, so der 43-jährige Philosophieprofessor.

Matthias Rath war mehrere Jahre für verschiedene Großkonzerne tätig, bevor er 1996 den Ruf an die PH Ludwigsburg annahm. Beim Bertelsmann-Konzern in Gütersloh hat er das Referat für medienpolitische und medienethische Grundsatzfragen aufgebaut, bevor er 1995 Manager für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (PR) des Bertelsmann-Buchverlags in München wurde. Mit der Philosophie erwerbe man sich eine “Lizenz zum Sicheinmischen”. Die sei in den so genannten weichen Unternehmens-Abteilungen wie Personal, PR, Kommunikation und Marketing durchaus gefragt.

Dass Philosophen dennoch selten in Wirtschaftsunternehmen zu finden sind, habe verschiedene Gründe. Viele Absolventen der “Königsdisziplin der Wissenschaften” hielten es nach wie vor für anstößig, ihre Profession zu vermarkten. Bei den anderen herrsche das Vorurteil, dass sie keinerlei für die Wirtschaft nützliche Fähigkeiten hätten.

Cyrus Achouri empfindet diese verbreitete Selbsteinschätzung unter Philosophen als alarmierend. Der 33-Jährige hat 1998 sein Philosophiestudium mit Promotion abgeschlossen und arbeitet inzwischen als Personalentwickler bei der Siemens AG in München. Er ist zuständig für die Planung einer strategischen Mitarbeiterförderung durch gezielte Weiterbildung. “Im Philosophiestudium sitzen viele hochmotivierte Leute, die strukturiert denken können, hervorragend analysieren und gut mit Sprache umgehen können. Das Problem ist nur: Niemand weiß das. Klappern gehört aber zum Handwerk. Und wer meint, das sei verpönt, hat es schwer.”

Achouri warnt seine Fachkollegen vor Wirtschaftsfeindlichkeit. Wer Angebote verweigere, dürfe sich auch nicht wundern, wenn keine Nachfrage bestehe. Die Philosophie sei “vom Aussterben bedroht”, meint der Personalentwickler. Der massive Abbau von philosophischen Lehrstühlen in Deutschland habe damit zu tun, dass Philosophen sich in der Regel nicht darstellen, “verkaufen” könnten, ja dies ausdrücklich gar nicht wollten. Wo aber, wenn nicht in der Wirtschaft, soll die Mehrzahl der Philosophieabsolventen ihre Brötchen verdienen?

Bei vielen Philosophie-Studenten, die sich um ihren Berufseinstieg kümmern müssten, funktioniere der “Verdrängungsmechanismus” perfekt, sagt die Akademikerberaterin Beate Hentschel-Schroeder vom Arbeitsamt in Stuttgart. Die Folge: eine durchschnittliche Studiendauer von 13,5 Semestern und ein Berufsteinstiegsalter von 31 Jahren. Für einen Start in der Wirtschaft jedoch viel zu spät, warnen Matthias Rath und Beate HentschelSchroeder einstimmig. Ihr Rat: Schon frühzeitig im Studium die Fühler nach Firmen ausstrecken und sich betriebswirtschaftliches Denken aneignen.

Dass Philosophen tatsächlich in der Wirtschaft Fuß fassen, zeigt der Fall von Markus Käbisch. Der 34-Jährige hat Philosophie, Musikwissenschaft und Theologie in Leipzig studiert und arbeitet mittlerweile als Unternehmensberater bei der Siemens Management Consulting in München. “Ich glaube, die haben meine argumentativen und kommunikativen Fähigkeiten geschätzt. Im Philosophiestudium lernt man eben, einen Standpunkt zu verteidigen. Das können Ingenieure oder Naturwissenschaftler in der Regel nicht so gut.” In der Wirtschaft rein philosophisch arbeiten zu können, sei allerdings eine Illusion, erklärt der Leipziger: “Wir Philosophen haben nicht nur für die gute Laune im Team zu sorgen. Wir müssen Aufgaben wie Kostenrechnungen übernehmen. Eben alles, was andere auch machen.”

• Links:

www.information-philosophie.de

www.diaa.de: Dachverband der Initiativen der Akademiker und Arbeitswelt

www.philos.de/Institutionen/PhilosophieJobs.html: Studienführer Philosophie

www.anstoesse.de
—–