Studium der Geisteswissenschaften - nur Bildung, kein Job? 7. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : GeistesWissenSchaft , einen kommentar schreibenWas wird eigentlich Abiturienten geraten, falls Sie den Wunsch äußern, ein Studium der Geisteswissenschaften aufzunehmen? Das abimagazin lieferte einen (auch für Studenten!) äußerst interessanten Artikel:
Studium der Geisteswissenschaften - Bildung statt Beruf?
Rund eine halbe Million Studierende haben sich derzeit für ein geisteswissenschaftliches Fach eingeschrieben. Dabei sind ihre Chancen, später als Historiker, Kunstgeschichtler oder Soziologe zu arbeiten, denkbar schlecht. Vielleicht liegt darin auch ein Grund, warum die Quote der Studienabbrecher mit über 30 Prozent vergleichsweise hoch ist. Lohnt es sich trotzdem, ein geisteswissenschaftliches Studium aufzunehmen? „Ja“, sagen die Experten – gefolgt von einem „aber bedenken müssen Sie …
Marco Zingler hat gelernt, politische Systeme in ganz Europa zu vergleichen. Er weiß über den Minnesang des Mittelalters Bescheid und was der Philosoph Immanuel Kant mit dem kategorischen Imperativ gemeint hat. Neben seinem Abschluss Politik, Philosophie und Geschichte hat er auch noch ein Grundstudium in Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft absolviert. Viele der Bücher, die er sich damals ins Regal seines Studierzimmers gestellt hat, besitzt er heute noch. Allerdings sieht er sich mittlerweile nach anderem Material um, wenn er sich weiterbilden möchte. Aus dem Bücherladen ist das Internet geworden und statt um Kulturen kümmert er sich um Kunden.
Denn der Schreibtisch des 33 Jahre alten Geisteswissenschaftlers steht nicht in einer politikwissenschaftlichen Forschungseinrichtung, einem Verlag für Philosophie oder an einer Akademie für Theaterwissenschaften. Marco Zingler hat den Geisteswissenschaften adieu gesagt und ist zur Internetbranche gewechselt. Als Geschäftsführer der Oneview Internet Systems & Services GmbH ist er unter anderem verantwortlich für die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Die Firma produziert Software, die den Aufbau von Intranets unterstützt. Marco Zingler beschäftigen Fragen wie diese: Für welche Unternehmen können unsere Produkte interessant sein? In welche Richtung soll sich das Unternehmen weiterentwickeln? Wie können wir den Nutzern unserer Software jederzeit an jedem Endgerät die richtigen Informationen zur Verfügung stellen? Patchwork-Karrieren
“Karrieren wie diese sind nicht untypisch für Geisteswissenschaftler”, urteilt etwa Dr. Erich Behrendt. Der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Soziologen analysiert seit Jahren den Arbeitsmarkt für Gesellschaftswissenschaftler. Während Betriebswirte, Ingenieure und Juristen in der Regel ihr Studium auf klar definierte Tätigkeitsfelder ausrichten können, treffe man bei Geisteswissenschaftlern eher auf Patchwork-Karrieren: Ihr beruflicher Weg setzt sich zusammen wie eine aus verschiedenen Stofflappen bestehende Decke. Wie für Marco Zingler ist für viele die wissenschaftliche Ausbildung das erste und die spätere Arbeit das zweite paar Stiefel. Ein Großteil der derzeit über eine halbe Million geistes- und sozialwissenschaftlichen Studierenden wird wohl auf dem weiteren Berufsweg das erste Paar in der Ecke stehen lassen. Denn viele werden Aufgaben übernehmen, die mit den ursprünglichen Studieninhalten gar nichts mehr zu tun haben. Wer gehört zu den Geisteswissenschaftlern?
Wer ist eigentlich Geisteswissenschaftler?
Als Geisteswissenschaftler werden Absolventen philosophischer, theologischer, sprach-, geschichts- und kulturwissenschaftlicher Studiengänge sowie Soziologen und Politologen bezeichnet. Sie haben ihr Studium nicht mit einem Staatsexamen, sondern in der Regel mit einem Magisterabschluss, seltener mit einem Bachelor- oder Masterabschluss, beendet. Verlegenheitslösung?
Warum also überhaupt Sprach- und Kulturwissenschaften, Politik, Soziologie oder Kunst studieren? Nur aus Spaß an der Freud? Sind Geisteswissenschaften für viele Abiturienten eine “Fluchtburg, weil sie der harten Realität noch eine Weile ausweichen wollen”, wie Thomas Schmitz, Literaturwissenschaftler an der Frankfurter Universität bekennt? Studieren Sie nur so lange, bis ihnen etwas Besseres einfällt?
“Mitnichten”, meint etwa Dr. Heiko Konrad, Diplom-Sozialwirt und Leiter der Abteilung Aus- und Fortbildung beim Hessischen Rundfunk und Verfasser der Studie zum Thema “Sozial- und Geisteswissenschaftler in Wirtschaftsunternehmen”. Längst stünde bei Einstellungsgesprächen nicht nur das reine Fachwissen im Vordergrund: “Vom akademischen Wissen kann man in der Unternehmenspraxis in der Regel wenig anwenden. Das gilt aber letztlich für alle Studienrichtungen - selbst für die Betriebwirtschaftler”, sagt er provokant.
Bildungs- statt Berufsstudium
“Geisteswissenschaftliche Studiengänge sind in den wenigsten Fällen eine reine Berufsausbildung”, erklärt Michael Stephan vom Staufenbiel Institut für Studien- und Berufsplanung. Es gehe viel mehr um Bildung als um Beruf. “Aber da erlerntes Wissen eine immer kürzere Halbwertszeit aufweist, werden Schlüsselkompetenzen wie Lernfähigkeit, Flexibilität, zügiges und strukturiertes Arbeiten, analytisches Denkvermögen und betriebswirtschaftliches Verständnis in vielen Bereichen fast wichtiger als die im Studium erworbenen Fachkenntnisse.” Die Studieninhalte sind gewissermaßen Mittel zum Zweck, um die wichtigen weichen Schlüsselqualifikationen auszubilden.
Was sind “geisteswissenschaftliche Schlüsselqualifikationen”?
Geisteswissenschaftlern werden in der Regel bestimmte Schlüsselqualifikationen zugeschrieben. Wie sehen diese Kompetenzen aus, die Geisteswissenschaftler für berufliche Aufgaben besonders qualifizieren sollen?
- Kommunikationsfähigkeit ist diejenige Schlüsselqualifikation, die Geisteswissenschaftlern von Personalverantwortlichen am stärksten zugeschrieben wird. Bei keiner anderen Studienrichtung wird so viel referiert, argumentiert und diskutiert. Ein Pfund, mit dem Geisteswissenschaftler durchaus wuchern können: Wer zu kommunizieren gelernt hat, kann beim Vorstellungsgespräch und im Beruf leichter überzeugen.
- Analytische und konzeptionelle Fähigkeiten werden unter anderem durch die Vorbereitung auf Diskussionen oder das Erarbeiten von Hausarbeiten gefördert. Im Beruf werden sie beispielsweise zur Ausarbeitung von Strategien und für Konzepte - etwa für einen Internetauftritt oder bei der Einführung eines neuen Produkts - benötigt.
- Präsentationsfähigkeiten gehören zu den wohl wichtigsten Kompetenzen, die Geisteswissenschaftlern zugerechnet werden. Wer während seines Studiums geübt und gelernt hat, Referate zu halten, Ideen und Zusammenhänge zu erklären, sollte sich später im Beruf gut und selbstbewusst ausdrücken können: Bei der Vorstellung neuer Konzepte ebenso wie bei Kunden- oder Personalgesprächen.
- Begeisterungsfähigkeit und Eigeninitiative müssen Geisteswissenschaftler fast zwangsläufig besitzen. Bis auf den Bereich Lehramt studieren viele ihr Fach in der Regel nur aus Interesse, ohne ein festes Berufsbild vor Augen zu haben. Sie müssen viel Initiative aufbringen, um ihr Studium selbst zu strukturieren und die Freiheiten geisteswissenschaftlicher Fächer für sich zu nutzen. Deshalb gelten diese Absolventen auch als besonders motiviert für die spätere Projektarbeit im Beruf.
- Flexibilität und Organisationstalent sind wesentliche Voraussetzungen für fast jeden Beruf. Geisteswissenschaftler sind schon während ihres Studiums darauf angewiesen, sich auf häufig wechselnde Projekte und Anforderungen einstellen zu können. Das Studium muss flexibel strukturiert und Seminararbeiten und Referate so organisiert werden, dass sie sich nicht überschneiden. Außerdem dürfen gerade da, wo Flexibilität und Selbstorganisation gefragt sind, Ziele nicht aus den Augen verloren werden.
- Kreativität lässt sich im geisteswissenschaftlichen Studium besonders intensiv ausleben. Nirgends sonst gibt es so viel Freiraum etwa bei der Wahl von Schwerpunkten und der Gestaltung und Vermittlung von Ideen und Inhalten wie hier. Wer diesen Freiraum sinnvoll (und kreativ) nutzt, kann im Beruf zum kompetenten Problemlöser werden, weil er Situationen und Schwierigkeiten von den verschiedensten Seiten betrachtet und unkonventionelle Ideen hat.
Das sieht auch Geisteswissenschaftler und IT-Fachmann Marco Zingler so: “Geschichte, Politik und Philosophie haben mich zu einem Generalisten ausgebildet, der sich sehr schnell in die unterschiedlichsten Themen und Situationen hineinarbeiten, sich selbstständig alle relevanten Informationen erschließen und die Ergebnisse adäquat präsentieren kann”, sagt er. Verena Voigt, die nach ihrem Studium der Kunstgeschichte ein Zeitungsvolontariat absolvierte und vor fünf Jahren ein Büro unter anderem zur PR-Beratung für die Kulturwirtschaft gründete und auch Studierende berät, sieht Formalien wie ihre Abschlussnoten sogar als unwichtig. Es komme vielmehr darauf an, “Nischen zu entdecken, sie auszubauen und über Jahre hinweg zu pflegen”.
Zu einem vergleichbaren Schluss kommt auch Ulrich Holst. Der ehemalige Theologie-Student ist freier Berater in der beruflichen Bildung und Personalentwicklung sowie Buchautor. “Personalentscheider fragen in erster Linie nicht nach dem Wissen, sondern nach dem Können - mit anderen Worten nach der Kompetenz”, so der Personalberater. Viele Einsatzfelder und hohe Hürden
“Nur ein Bruchteil der Stellenangebote für Geistes- und Sozialwissenschaftler beziehen sich auf deren fachliche Ausbildung”, sagt Manfred Bausch, Sachgebietsleiter Geistes- und Sozialwissenschaften der Arbeitsmarktinformationsstelle in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesanstalt für Arbeit. Wenn überhaupt, kämen solche Angebote überwiegend aus der Wissenschaft, aus dem Kultursektor, aus öffentlichen und privaten Bildungseinrichtungen, von Gebietskörperschaften, von Vereinen und manchmal beispielsweise auch aus Wissenschaftsverlagen. “Vermehrt fassen die Absolventen die freie Wirtschaft als Arbeitsfeld ins Auge, und auch die Wirtschaft öffnet sich ihnen gegenüber”, so seine Erfahrung.
Doch alle diese positiven Signale dürfen über mindestens vier hohe Hürden nicht hinwegtäuschen:
1. Geisteswissenschaftliche Studiengänge sind in der Regel sehr unstrukturiert. “Die großen Gestaltungsspielräume führen bei nicht wenigen Studierenden zu Orientierungsproblemen und in der Folge zu Motivationsdefiziten”, vermutet eine aktuelle Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Verbunden mit unsicheren beruflichen Aussichten würde sich damit auch der vergleichsweise hohe Anteil an Studienabbrechern unter den Geisteswissenschaftlern erklären: Bei Sprach- und Kulturwissenschaften sind es rund 33 Prozent, bei den Sozialwissenschaften sogar über 40 Prozent, so die Studie.
2. Schlüsselqualifikationen ändern nichts daran, dass für Geisteswissenschaftler der Eintritt auf den Arbeitsmarkt mit mehr Barrieren als bei anderen akademischen Berufen versehen ist, weil sie selten in ein klassisches Berufsbild passen. Zumal sich ein “blindes Vertrauen auf die Schlüsselqualifikationen als gefährlicher Irrglaube herausstellen könnte”, mahnt Michael Stephan vom Staufenbiel Institut: “Schlüsselqualifikationen dienen eben nur als Schlüssel, um die Fachkenntnisse auch im betrieblichen Alltag überzeugend ein- und umsetzen zu können”. Wer sich aber im Studium erfolgreich darum gedrückt habe, im Seminar ein Referat zu halten, wird später Schiffbruch erleiden.
3. Geistes- und Sozialwissenschaftler können ihre Kompetenz nur in der Praxis unter Beweis stellen. Wer nicht frühzeitig Praktika bei Unternehmen absolviere und sich nicht in Richtung Wirtschaft weiterbilde, lasse viele Chancen ungenutzt.
4. Derzeit geht die Nachfrage nach Akademikern generell zurück. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres reduzierte sich das Angebot an Stellen für Personen mit einem Hochschulabschluss von 128.000 auf nur noch knapp 100.000. Ein Rückgang von 22 Prozent! Ende September 2002 waren laut ZAV 10.450 Geisteswissenschaftler arbeitslos gemeldet, eine Steigerung um 17 Prozent.
“Zwar haben”, so Manfred Bausch, “Geisteswissenschaftler keineswegs mehr als andere akademische Berufsgruppen unter dem Anstieg der Arbeitslosigkeit zu leiden” - ein vergleichsweise schwacher Trost. Das Stellenaufkommen für Geisteswissenschaftler war in diesem Zeitraum mit rund 1.000 Angeboten um fast ein Drittel niedriger als im Jahr 2001. Die künftige Entwicklung ist unsicher. Hinzu kommt, dass Arbeitgeber im Zweifel oftmals lieber Absolventen etwa aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften einstellen. Lehramt als Alternative
Etwas anders sieht es derzeit bei den Geisteswissenschaftlern aus, die sich in Richtung Lehramt weiterbilden wollen. “Angesichts des akuten Lehrermangels könnte es für den ein oder anderen Geisteswissenschaftler durchaus sinnvoll sein, ein Staatsexamen, das für das Lehramt befähigt, mit in die beruflichen Überlegungen einzubeziehen”, so Manfred Bausch. Hier liegen zusätzliche Berufsperspektiven, die der Magister- oder Masterabschluss nicht bietet. In den nächsten zehn bis 15 Jahren werden vermutlich rund 50 Prozent der heutigen Pädagogen pensioniert. Die rosarote Brille aufzusetzen, erlauben diese Zahlen allerdings nicht. Eine Garantie, dass der Staat den gesellschaftlich notwendigen Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften auch tatsächlich deckt, gibt es nicht.
Was also ist Abiturienten zu raten? Sicher ist: Es macht keinen Sinn, bei einer Einschreibung an der Hochschule seinen Blick nur auf die beruflichen Aussichten zu lenken. Dafür ändern sich die Anforderungen zu schnell, und es wäre nicht gescheit, auf Biegen und Brechen ein Fach zu studieren, das einem nicht zusagt. Auch darin sind sich die Experten einig. Wer aber ein geisteswissenschaftliches Studium aufnimmt, der sollte die Chancen der Freiheit dieser Fächer auch nutzen, um nach links und rechts zu sehen, also auf den Ausbau seines Fachwissens und seiner Schlüsselqualifikationen achten und frühzeitig aktiv auf den Arbeitsmarkt zugehen.
—–