Verlage und ihre geisteswissenschaftlichen Verehrer 3. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Unternehmen , einen kommentar schreibenDass wirtschaftsnahe Geisteswissenschaftler bei der Jobsuche nicht immer in direkte Konkurrenz zu BWLern treten müssen, wurde von mir in den letzten Wochen ein wenig übersehen. Um auch wieder einmal ein klassisches Berufsfeld für GSWler vorzustellen, hier ein Portrait über das Verlagswesen. Ich verweise dazu auf einen Artikel bei stellenboersen.de. Gegenstand des Beitrags ist eine Betriebsbesichtigung bei dem traditionsreichen Verlag Vandenhoeck&Ruprecht.
Perspektiven für Geisteswissenschaftler - Berufsfelder im Verlag
Eine gängige Antwort auf die Frage nach späteren Berufswünschen lautet unter Geisteswissenschaftlern häufig „irgendetwas im Verlag“. Ob die Vorstellung jedoch der Realität entspricht und welche Möglichkeiten sich tatsächlich bieten, weiß dabei kaum einer. Eine Betriebserkundung im Göttinger Traditionsverlag Vandenhoeck&Ruprecht, organisiert vom Hochschulteam, brachte jetzt Licht ins Dunkel.
Über 50 interessierte StudentenInnen hatten sich auf die 20 zur Verfügung stehenden Plätze gemeldet. Laut Irene Ocker, Arbeitsberaterin vom Hochschulteam, ein voller Erfolg. Die Erwartungen der TeilnehmerInnen an diesen Nachmittag waren unterschiedlich. Einige wollten nur mal sehen, wie es hinter den Kulissen aussieht, andere wiederum suchten gezielt nach einem möglichen Praktikumsplatz oder einem potentiellen Arbeitgeber. Willkommen war jeder, vom Erstsemester bis zum Doktoranden. Über zwei Stunden lang berichtete Regina Lange, Pressesprecherin von Vandenhoeck&Ruprecht, über die Arbeit im Verlag. Darüber hinaus stellte sie Berufsfelder vor, beantwortete Fragen und ging auf die Voraussetzungen ein, die Bewerber mitbringen sollten, wenn sie sich für ein Praktikum oder einen Arbeitsplatz bewerben wollen.
Der 1735 gegründete Verlag wird heute in der siebten Generation als Familienunternehmen geleitet und unterscheidet sich daher von anderen Verlagen, die z.B an Großkonzerne angeschlossen sind. Zu dem Göttinger Familienunternehmen gehört neben einer Druckerei auch die Buchhandlung Deuerlich. Das Programm von V&R reicht von wissenschaftlichen Werken über Fachbücher bis hin zu Schulbüchern. Jeder der in der Schule mal Latein gemacht hat, wird sich an das „Compendium“ oder das Buch „Ianua Nova“ erinnern.
Doch was haben Geisteswissenschaftler jetzt mit Schulbüchern zu tun? Das es notwendig ist WissenschaftlerInnen und Fachleute in den Produktionsprozess von Fachliteratur miteinzubeziehen, versteht sich von selbst, doch auch im Vertrieb ergeben sich interessante Berufschancen, die den Meisten unbekannt sind. Ein oft erwähnter Bereich ist sicherlich das Lektorat. Die Fähigkeit und Bereitschaft sich mit seitenlangen Zahlenkolonen und Statistiken auseinanderzusetzen gehört in diesem Bereich jedoch zu den Voraussetzungen. Ein Punkt, den viele unterschätzten so Regina Lange. Schließlich muß hier die Absatzerwartung für die spätere Festlegung der Auflagenhöhe definiert werden. Bei ca. 80 000 Neuerscheinungen im deutschsprachigen Raum ist es notwendig, ein Buch zu vermarkten. Wer über Kommunikationsfähigkeit, Überzeugungskraft, eine gute Allgemeinbildung und eine Portion Hartnäckigkeit verfügt, zudem gerne telefoniert und Kontakte knüpfen kann, kreativ ist und Organisationstalent besitzt könnte im Marketing bzw. der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit glücklich werden. Hier kommt es vorallem darauf an, ein Buch zu präsentieren, sei es auf Messen, Ausstellungen oder bei speziellen Präsentationen für LehreInnen. Kontakte zu überregionalen Zeitungen und zur Fachpresse müssen gepflegt werden, damit das Buch an richtiger Stelle rezensiert wird. Ebenso müssen diese Rezensionen den eigenen Mitarbeitern zugänglich gemacht werden. Dies geschieht anhand des hauseigenen Pressespiegels, dessen wöchentliche Erstellung ebenfalls in den Aufgabenbereich der Presseabteilung fällt.
Im Vertrieb wird neben der ständigen Betreuung des Buchhandels überlegt, für wen das jeweilige Buch interessant sein könnte und was einzelne Vertriebswege kosten würden. Spannend kann dabei die Arbeit mit eher untypischen Kunden wie Großkonzernen oder Autohäusern sein, denen man bestimmte Bücher zum Beispiel als Weihnachtsgeschenk für Kunden oder Mitarbeiter anbieten kann. Auch hier sollte man kommunikationsstark sein und gerne Produkte präsentieren. Akurates Arbeiten, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gehören ebenso dazu, wie ein Sinn für Zahlen und Statistiken. Fremdsprachenkenntnisse sind immer von Vorteil.
Wer diese Vorrausetzungen mitbringt und sich für die Arbeit in einem Verlag interessiert, kann sich als PraktikantIn bei V&R bewerben. Plätze gibt es im Lektorat (Dauer 4-6 Wochen) und im Marketing (Presse, Werbung, Vertrieb) ab mindestens drei Monaten Dauer. Gerne genommen werden PraktikantenInnen, mit bereits abgeschlossenem Studium oder Examenskandidaten. Erste Erfahrungen im Bereich Verlagswesen helfen weiter. Die wichtigsten Kriterien seien jedoch Interesse und Motivation der BewerberInnen, sagt Frau Lange, die Studienfächer selbst seien nicht allein ausschlaggebendes Kriterium. Sie selbst hat Soziologie, Germanistik und Politikwissenschaft auf Magister studiert und hat nun den Job gefunden, der ihr „richtig Spaß macht“.
Zum Abschluß gab es noch eine Führung durch das Verlagsgebäude in der Robert-Bosch-Breite. Nach 2 1/2 Stunden sind alle 20 TeilnehmerInnen um einige Informationen reicher. Die Veranstaltung kam durchweg gut an und für einige haben sich tatsächlich neue Perspektiven ergeben. Zudem konnte man am Rande noch den einen oder anderen Tip für die eigene Bewerbung mitnehmen. Frau Ocker vom Göttinger Arbeitsamt bestätigt die Aussagen von Frau Lange. Es sei wichtig, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und sich über einen Beruf vor der Bewerbung zu informieren. Nur wer darstellen könne, warum er sich auf eine bestimmte Stelle beworben hat, könne im Vorstellungsgespräch überzeugen. Daher solle man schon vorher seine Interessen und Fähigkeiten dokumentieren z.B. durch Zeugnisse von Nebenjobs o.ä.
Wer nicht weiß, ob er auf dem richtigen Weg ist, wie man sich bewerben soll oder wer mal eine ähnliche Betriebserkundung mitmachen möchte findet Hilfe und Informationen beim Göttinger Hochschulteam. Gerade heutzutage kann es doch nur von Nutzen sein, solche Angebote anzunehmen, damit man nicht nach dem Studium rat-und orientierungslos dasteht. Die Betriebserkundung bei Vandenhoeck&Ruprecht jedenfalls war eine sehr gute Möglichkeit, sich mit dem Thema Berufsfindung einmal näher zu beschäftigen. 20 GeisteswissenschaftlerInnen wissen jetzt jedenfalls genauer, was hinter dem Berufswunsch „irgendetwas im Verlag“ steckt.
[Information: die Betriebserkundung fand am 17.6.03 statt und wurde vom Hochschulteam Göttingen unter der Leitung von Arbeitsberaterin Frau Irene Ocker initiert. Weitere Infos zu Verantstaltungen, Fortbildungen, Workshops und allen Themen rund um Studium und Beruf gibt es unter www.anstoesse.de oder in der Broschüre „Anstösse- Karriere beginnt im Studium“, die in der Uni ausliegt.]
Von Kareen Wischnewski
—–