Geist und Geld - was sich liebt, das neckt sich! 30. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Wirtschaftsethik , 3kommentareSo langsam finden zwei Disziplinen zusammen, die die meisten vor zwanzig Jahren nicht einmal in einem Satz gebraucht hätten. Da aber unsere (Wirtschafts-)Welt zunehmend komplexer wird und damit auch die Möglichkeiten von Führungskräften steigen, Fehler zu machen (absichtlich oder unabsichtlich), wird der Ruf nach einem Korrektiv immer lauter. Das ist doch mal eine Aufgabe für wirtschaftsaffine Geisteswissenschaftler!
Weitere Artikel zum Verhältnis von Philosophie finden sich übrigens unter der Rubrik Wirtschaftsethik.
Philosophie und Wirtschaft nähern sich einander an
Hamburg (dpa) - Thales ist bekanntlich, während er die Geheimnisse des Himmels ergründete, in einen Brunnen gefallen. Dass nach diesem symbolhaften Missgeschick des Vaters der Philosophie seine heutigen Nachfahren ausgerechnet Interesse für die Wirtschaft zeigen, ist verwunderlich. In der Tat gibt es noch von beiden Seiten Vorbehalte. Doch Veränderungen zeichnen sich ab - verstärkt leiten und organisieren freiberufliche Philosophen Seminare speziell für Führungskräfte.
Und immer öfter klopfen Studienabsolventen der philosophischen Fakultäten bei den Personalchefs von Unternehmen an. Umgekehrt trete die Wirtschaft vor allem an Experten für Ethik heran, meint der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß. Und exzentrische Denker seien gerade wegen ihrer Unkonventionalität gern gesehene Gäste in den Chefetagen. Bestes Beispiel hierfür ist Tom Morris, Autor der “Philosophie für Dummies”. Der amerikanische Philosoph lehrte 15 Jahre an einer Universität, bevor er anfing, vor Geschäftsleuten und Belegschaften von High-Tech-Firmen “die besten Ideen der besten Denker aller Zeiten” spektakulär in Szene zu setzen. Morris glaubt, dass die Menschen dann anfangen, sich tiefere Fragen zu stellen, wenn sie übermäßig viel Geld haben. Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben: Morris gilt inzwischen als der bestbezahlte Vertreter seiner Zunft.
Klaus-Jürgen Grün dagegen ist ein Grenzgänger zwischen akademischer und privatwirtschaftlicher Welt. Er betreibt ein “Philosophisches Kolleg für Führungskräfte” und unterrichtet zugleich an der Universität in Frankfurt am Main. Spannend wird es für ihn, wenn in seinen Seminaren erfahrene Manager und Studierende über Marx diskutieren. “Die Philosophie in den Elfenbeintürmen hat sich leer gelaufen”, sagt Grün und lobt seine Kunden aus der Wirtschaft: “Diese haben nicht nur einen ungetrübten Blick auf die Realität, sondern auch ein aufrichtiges Interesse daran, dass es noch mehr gibt als die Gesetze des Marktes und der rohen Natur.” Von Seiten der akademischen Philosophie sieht Jürgen Mittelstraß, der neben seiner Professur in vielen Kuratorien von Unternehmensstiftungen tätig ist, den Bezug zur Wirtschaft vor allem im Feld der Ethik. Hierfür gebe es in der Wirtschaft genauso wie in der Biologie und Gentechnik zurzeit einen großen Bedarf. “Philosophischer Sachverstand ist hier gefragt und die Philosophen kommen dem Wunsch gern entgegen”, sagt Mittelstraß.
Das zeigt sich unter anderem darin, dass an deutschen Universitäten in den vergangenen Jahren mehrere Professuren für Wirtschaftsethik eingerichtet wurden. Und für den Verein deutscher Ingenieure (VDI) haben kürzlich Technik-Philosophen unter der Leitung des Stuttgarter Professors Christoph Hubig “Ethische Grundsätze des Ingenieurberufs” formuliert. Die Berufsperspektiven von Philosophen in der Privatwirtschaft diskutieren Fachleute auf den Internetseiten der Zeitschrift “Information Philosophie” (www.information-philosophie.de). Der Schweizer Unternehmensberater Richard Egger beispielsweise, Autor des Buches “Die philosophische Werkzeugkiste”, gibt detaillierte Tipps, wie Absolventen des Fachs als Organisationsberater tätig werden können.
Dagegen sieht man bei der Akademikerberatung des Arbeitsamtes Stuttgart noch keine Trendwende. “Zwar sind auch Philosophen”, so Beate Hentschel-Schroeder, “inzwischen eher bereit, in die Privatwirtschaft zu gehen. Doch das liegt auch daran, dass die Stellen an den Universitäten und bei den Verlagen weniger werden.” Die Personalchefs reagieren trotz des aktuellen Trends, mehr auf die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten zu achten, noch verhalten. Wolfgang Schlatter von Daimler Chrysler jedenfalls meint: “Gezielt suchen wir nur Ingenieure und IT-Spezialisten. Geisteswissenschaftler kommen hingegen von selbst.”
Von Thomas Oser
Literaturtipps:
- Tom Morris
Philosophie für Dummies
mitp Verlag, Bonn
299 S. Euro 20,40
ISBN 3826628659
- Richard Egger
Die philosophische Werkzeugkiste
Orell Füssli Verlag, Zürich
166 S. Euro 23,50
ISBN 3280026067
Über den Martkwert der Geisteswissenschaften 20. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Pressespiegel , einen kommentar schreibenDass die geisteswissenschaftlichen Studienfächer einen Bereicherung für die Gesellschaft sind, gilt als unbestritten. Versuche, den volkswirtschaftlichen bzw. betriebswirtschatlichen Nutzen der Geisteswissenschaften darzustellen, blieben stets auf halber Strecke stecken und vermochten nicht zu überzeugen. Ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau versucht der Frage nachzugehen. Wie so oft müssen die Philosophen als “Vorzeige-Geisteswissenschaftler” ihren Kopf hinhalten. Wie dumm nur, dass Philosophie im engeren Sinne eher als “Sonderfall” Prinzipienwissenschaft gilt; das sollte aber beim Lesen nicht stören :-).
Die Karrierechancen von Philosophen in der Wirtschaft / Marktwert der Weisheit
Von Elisabeth Oehler
Die Lehre der Weisheit gilt nach wie vor als brotlose Kunst. Wer sie dennoch als Grundausbildung wählt, wird als hoffnungsloser Fall bedauert. Denn außer der Dozentenstelle an einer Hochschule bietet ein Abschluss in Philosophie keine direkte Beschäftigungsmöglichkeit. Trotzdem schließen jährlich rund 400 Studierende ein Hauptfachstudium in Philosophie ab. Dass die Absolventen nicht alle Hochschuldozenten werden können, ist klar. Was aber hat ein Philosoph der Wirtschaft zu bieten? Einiges. Das jedenfalls behaupten Leute wie Matthias Rath, Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.
Obwohl: “Als Philosoph werden Sie für einen lebenspraktischen Idioten gehalten, der zwar viel weiß, aber nicht mit Messer und Gabel essen kann”, beschreibt Rath seine Erfahrungen mit Firmenvertretern. Er liefert für die Vorurteile gegenüber seiner Zunft auch eine Erklärung: “Philosophie ist keine Handlungsdisziplin wie Betriebswirtschaft oder Jura, sondern eine Erkenntnisdisziplin.” Anstelle praktischer Fähigkeiten verfüge ein Philosoph über analytisches Können, das auf dem Arbeitsmarkt lange nicht gefragt gewesen sei.
Das habe sich aber inzwischen geändert, sagt Rath. Weil die Unternehmer bemerkten, “dass sie nicht mehr auf der Insel der Seligen wohnen”. Jeden Morgen komme “die moralische Infragestellung ökonomischen Handelns durch die Werkstore und Bürotüren in die Unternehmen”, so der 43-jährige Philosophieprofessor.
Matthias Rath war mehrere Jahre für verschiedene Großkonzerne tätig, bevor er 1996 den Ruf an die PH Ludwigsburg annahm. Beim Bertelsmann-Konzern in Gütersloh hat er das Referat für medienpolitische und medienethische Grundsatzfragen aufgebaut, bevor er 1995 Manager für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (PR) des Bertelsmann-Buchverlags in München wurde. Mit der Philosophie erwerbe man sich eine “Lizenz zum Sicheinmischen”. Die sei in den so genannten weichen Unternehmens-Abteilungen wie Personal, PR, Kommunikation und Marketing durchaus gefragt.
Dass Philosophen dennoch selten in Wirtschaftsunternehmen zu finden sind, habe verschiedene Gründe. Viele Absolventen der “Königsdisziplin der Wissenschaften” hielten es nach wie vor für anstößig, ihre Profession zu vermarkten. Bei den anderen herrsche das Vorurteil, dass sie keinerlei für die Wirtschaft nützliche Fähigkeiten hätten.
Cyrus Achouri empfindet diese verbreitete Selbsteinschätzung unter Philosophen als alarmierend. Der 33-Jährige hat 1998 sein Philosophiestudium mit Promotion abgeschlossen und arbeitet inzwischen als Personalentwickler bei der Siemens AG in München. Er ist zuständig für die Planung einer strategischen Mitarbeiterförderung durch gezielte Weiterbildung. “Im Philosophiestudium sitzen viele hochmotivierte Leute, die strukturiert denken können, hervorragend analysieren und gut mit Sprache umgehen können. Das Problem ist nur: Niemand weiß das. Klappern gehört aber zum Handwerk. Und wer meint, das sei verpönt, hat es schwer.”
Achouri warnt seine Fachkollegen vor Wirtschaftsfeindlichkeit. Wer Angebote verweigere, dürfe sich auch nicht wundern, wenn keine Nachfrage bestehe. Die Philosophie sei “vom Aussterben bedroht”, meint der Personalentwickler. Der massive Abbau von philosophischen Lehrstühlen in Deutschland habe damit zu tun, dass Philosophen sich in der Regel nicht darstellen, “verkaufen” könnten, ja dies ausdrücklich gar nicht wollten. Wo aber, wenn nicht in der Wirtschaft, soll die Mehrzahl der Philosophieabsolventen ihre Brötchen verdienen?
Bei vielen Philosophie-Studenten, die sich um ihren Berufseinstieg kümmern müssten, funktioniere der “Verdrängungsmechanismus” perfekt, sagt die Akademikerberaterin Beate Hentschel-Schroeder vom Arbeitsamt in Stuttgart. Die Folge: eine durchschnittliche Studiendauer von 13,5 Semestern und ein Berufsteinstiegsalter von 31 Jahren. Für einen Start in der Wirtschaft jedoch viel zu spät, warnen Matthias Rath und Beate HentschelSchroeder einstimmig. Ihr Rat: Schon frühzeitig im Studium die Fühler nach Firmen ausstrecken und sich betriebswirtschaftliches Denken aneignen.
Dass Philosophen tatsächlich in der Wirtschaft Fuß fassen, zeigt der Fall von Markus Käbisch. Der 34-Jährige hat Philosophie, Musikwissenschaft und Theologie in Leipzig studiert und arbeitet mittlerweile als Unternehmensberater bei der Siemens Management Consulting in München. “Ich glaube, die haben meine argumentativen und kommunikativen Fähigkeiten geschätzt. Im Philosophiestudium lernt man eben, einen Standpunkt zu verteidigen. Das können Ingenieure oder Naturwissenschaftler in der Regel nicht so gut.” In der Wirtschaft rein philosophisch arbeiten zu können, sei allerdings eine Illusion, erklärt der Leipziger: “Wir Philosophen haben nicht nur für die gute Laune im Team zu sorgen. Wir müssen Aufgaben wie Kostenrechnungen übernehmen. Eben alles, was andere auch machen.”
• Links:
www.information-philosophie.de
www.diaa.de: Dachverband der Initiativen der Akademiker und Arbeitswelt
www.philos.de/Institutionen/PhilosophieJobs.html: Studienführer Philosophie
Rebellion gegen die Mainstream-Ökonomie 14. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , einen kommentar schreibenDa mich einige Fragen erreichten, was es mit den “Postautisten” denn auf sich habe, will ich an dieser Stelle nochmal einen Artikel aus der Süddeutschen nachreichen. Obwohl die Bewegung bereits fünf jahre auf dem Buckel hat, sind gute Überblicksartikel noch immer schwer zu finden. Falls Ihr um Material wisst, würde ich mich über einen Hinweis in einem Kommentar freuen. Was viele User vergessen: Auf UnternehmensGeist kann grundsätzlich jeder Beiträge zu relevanten Themen verfassen!
Also, haut in die Tasten!
Postautisten gegen Mainstream-Ökonomie
…Spätestens, seit anno 2000 Pariser Ökonomiestudenten öffentlich protestierten und gegen den mathematisch fixierten Formel-Autismus der herrschenden neoliberalen Lehre zu Felde zogen, wächst das Unbehagen an der universitär gelehrten Mainstream-Ökonomie. „Wir wünschen nicht länger, dass uns eine autistische Wissenschaft aufgezwungen wird”, lautet der Schlachtruf der so genannten Postautisten, die sich nun, einige Jahre später, auch an deutschen Almae matres formieren (www.pecon.net oder www.paecon.de). Das neue Unbehagen an der herrschenden Nationalökonomie geht indes tiefer als die sattsam bekannten Richtungskämpfe zwischen angebots- und nachfrageorientierten Wirtschaftswissenschaftlern. Die zentrale Kritik der Postautisten richtet sich gegen die lebensfremde, mathematische Verengung einer Wissenschaft, die letztlich mehr Sozial- als Naturwissenschaft ist. Manche behaupten sogar, die Ökonomik sei inzwischen mathematischer als die Physik, versuche, ökonomische Gesetze wie Naturgesetze aufzudecken und zu analysieren. Dabei schrecken Vertreter der herrschenden Lehre selbst vor Modellkonstruktionen nicht zurück, in denen sie zwei Menschen unter der Annahme, dass sie unendlichlange leben und keine Nachkommen zeugen, auf eine Insel verfrachten, um Verteilungsfragen rechnerisch auf die Spur zu kommen. Einer der beredtesten Kritiker gegen solche technizistisch-blutleeren Ansätze ist der Schweizer Ökonom Bruno S. Frey. Dieser beklagt sich bitter, dass sich die Volkswirtschaftslehre immer stärker zu einer Analyse „formaler und selbstdefinierter Probleme” entwickele und dass sie sich auf bestem Wege befinde, zur „Unterabteilung der angewandten Mathematik” zu degenerieren…
Quelle: Dagmar Deckstein in der SZ/Feuilleton am 17.01.2005
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Der Führungsnachwuchs probt den Aufstand 12. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , einen kommentar schreibenGesellschaftliche Veränderungen gehen an jungen Nachwuchskräften nicht spurlos vorbei, sondern hinterlassen meist Spuren in ihrem Denken und (hoffentlich auch) in ihrem Handeln. In diesem Zusammenhang wurde hier auf UnternehmensGeist bereits über die wirtschaftswissenschaftliche Reformbewegung des Post-Autismus berichtet. Da ich von der Bedeutung dieser studentischen Bewegung für die Wirtschaft und die Gesellschaft überzeugt bin, lege ich Euch jetzt einen Auszug aus dem Buch “Die sanften Managementrebellen” von Holger Rust ans Herz. Prädikat: Besonders lesenswert!
Die ZUKUNFT der FÜHRUNG
(pdf)
KULTURWANDEL: Die derzeit herrschenden Führungsprinzipien
sind überholt. Weltweit rebellieren Studenten und Jungmanager gegen eine ökonometrisch dominierte Sicht der Wirtschaft und fordern einen Mentalitätswechsel. Der Nachwuchs ist auf der Suche nach dem idealen CEO für das 21. Jahrhundert.
Von Holger Rust
Elena ist die Traumkandidatin eines jeden Personalchefs. Die 28-jährige Polin hat ihr Wirtschaftsstudium mit Auszeichnung abgeschlossen und in den USA an einer Elitehochschule einen MBA erworben. Sie spricht neben ihrer Muttersprache fließend Deutsch, Französisch und Englisch. Sie hat Erfahrung im Management internationaler Vertriebsprojekte sowohl bei einem Konzern als auch in einem mittelständischen Unternehmen. Und sie ist ambitioniert. Ihr Ziel ist klar: Sie will so schnell wiemöglich in eine Führungsposition. Darauf will sie sich umfassend vorbereiten.
Also wandte sie sich an Personalverantwortliche deutscher Konzerne. Und da zerplatzte der Traum – für beide Seiten. „Man hat mir schon attraktive Positionen angeboten. Aber was ich wirklich wollte, verstand keiner: Das Unternehmen, seine Kultur und seine Märkte aus möglichst vielen Perspektiven differenziert und realitätsnah kennen zu lernen, um dann für eine Führungsposition gerüstet zu sein. Stattdessen wurde ich immer wieder gefragt, in welcher Funktion, in welcher Abteilung ich arbeiten wolle. Und ich konnte darauf immer nur antworten: ‚Das weiß ich noch nicht, das möchte ich ja herausfinden.‘“ Dieses Karrierekonzept widersprach den Leitlinien der Personalauswahl in den Unternehmen diametral.
Elena hatte mit ihrer, zugegeben, etwas ungewöhnlichen Initiative gleich zwei Kulturen verstört, deren ungeschriebene Gesetze heute gängige Führung bestimmen: die herrschenden Führungskader mit ihren formalistisch-mathematischen Kontrollmechanismen und den karriereorientierten Nachwuchs mit seiner zielgerichteten Egozentrik. Die alteingesessenen Kader und strebsamen Nachwuchsmanager beanspruchen traditionell die Macht in den Unternehmen und setzen die Regeln des Führungsspiels fest. Doch diese Dominanz bei der Definition der heutigen Führungskultur resultiert eher aus gleichartigen Gedankengebäuden und Theorien über die Wirklichkeit als aus einer bewussten und systematischen Verteidigung von Positionen. Deshalb wäre es unangemessen, von Machtkartellen zu sprechen. Was wir finden, sind Kulturen des Denkens, Mentalitätsmilieus“, in denen sich Ideen vom Erfolg, von der Führung, Vorstellungen von der richtigen „Aufstellung“ von Unternehmen wie in einem mentalen Kapillarsystem ganz selbstverständlich verbreiten und nie hinterfragt werden.
Wie kam es zu dieser Entwicklung? Die Manager unserer Zeit sind durch die Schule einer streng ökonometrisch definierten Wirtschaftswissenschaft gegangen. Sie haben gelernt, die wahrgenommene Komplexität des Marktes mithilfe mathematischer Modelle zu reduzieren. Diese Krücken dienen als Idealtypen der Wirklichkeit. In der Praxis zeigt sich diese Schule in wechselnden, immer aber streng formalistischen Konzepten wie Lean Management und Outsourcing, Diversifizierung oder Konzentration auf Kernkompetenzen. Als es in der kurzen Spanne des so genannten „War for Talent“ Mode wurde, sich näher mit den Mitarbeitern zu befassen, ergab man sich notgedrungen dem Training emotionaler Intelligenz, natürlich messbar in Navigationssystemen und Score-Modellen. Auf die gleiche Weise wird der Führungsnachwuchs rekrutiert: schnelles Studium, bereits während des Studiums in der herrschenden Praxis trainiert, in Assessment-Centern gewogen und beurteilt, dann auf der klassischen Linie durchgereicht. Studenten an vielen Universitäten, vor allem an denen in den USA, werden von Beginn an mit dem Formalismus konfrontiert: Das fängt an mit den häufig ab dem ersten Semester eingesetzten Multiple-Choice-Klausuren, die einsatzfähiges Formelwissen voraussetzen und weitgehend auf argumentativ-qualitative Methoden verzichten. In dieser Atmosphäre entsteht eine Geisteshaltung der Anpassung an die herrschenden Normen, die sich manchmal bis zur Karikatur auch auf die Karrierefantasien überträgt: mit strahlendem Gebiss und Waschbrettbauch fit für die oberen Etagen, ein neuer Typus, der egozentrische Entrepreneur seiner selbst, machtbewusst, karriereorientiert, ohne große Loyalität für jeglichen Arbeitgeber. Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre, klebte diesen Vertretern im Titel seines Buches „Spieler ohne Stammplatzgarantie“ einen grässlichen Begriff auf: “Darwiportunisten“, ein zusammengeklaubtes Wortmonstrum aus Darwinismus („Survival of the Fittest“) und Opportunismus (der jede Gelegenheit zur aufwärts gerichteten Karriere wahrnimmt). Das sei das Zukunftsmodell, sagt Scholz, der unausgesprochene Vertrag der wechselseitigen Ausbeute.
SANFTER WIDERSTAND
Dieses verflochtene System aus dem streng formalistischen Milieu auf der einen und dem egozentrisch karrieristischen auf der anderen Seite war der Grund für die Irritation der jungen polnischen Nachwuchskraft Elena. Sie repräsentiert einen Typus von karrierewilligen Mitarbeitern, die sich nicht mehr mit den Systemen der klassischen Mikro-, Makro-, Metrik-Wirtschaftswissenschaft und ihrer so genannten Praxisorientierung abgeben wollen: Elena steht für ein Mentalitätsmilieu, das sich mit der Umwelt der Unternehmen auseinander setzen will, das verstehen will, das soziologische, kulturelle, politische und historische Sensibilität sucht, um zu begreifen, welche kurz-, mittel- und langfristigen Konsequenzen das gewinnorientierte Handeln heute zeitigt.
Dieses Milieu aus noch unverbundenen individuellen Geistern hat keine Macht. Aber es ist auf dem Weg, einen Teil der Macht zu erringen. Auch hier handelt es sich nicht um eine feste Gruppe oder gar um eine Generation. Es entsteht eher eine geistige Neuorientierung, die allmählich auf allen Ebenen der Hierarchien um sich greift und die herrschenden Gedankenwelten infrage stellt.
Am deutlichsten macht sich der Mentalitätswechsel bei den Studierenden bemerkbar. Es mag verwunderlich klingen, aber weltweit zeichnen sich Konturen einer Rebellion ab. Eine Bewegung, jedoch ganz anders als 1968: Nicht das System steht auf der Tagesordnung. Diese Studenten sind von der Vorstellung fasziniert, gestaltend an der Wirtschaftswelt des dritten Jahrtausends mitzuwirken und dabei nicht die Fehler jener Mentalitätsmilieus des engstirnigen Establishments und der konservativen Karrieristen zu wiederholen.
Die Bewegung nahm ihren Anfang mit einer Petition, die 50 Pariser Studenten ihren Professoren im Juni 2000 überreichten. Sie verlangten von ihren Professoren, die imaginären Welten der Neoklassik zu verlassen und zu den Fakten zurückzukehren. Ihnen war das Studium zu einseitig, die Lehre zu mathematisch formalisiert. Ihnen fehlten reale Akteure und Institutionen sowie Lektionen in Wirtschaftsgeschichte. Sie forderten soziologische, kulturwissenschaftliche und philosophische Aspekte in ihrem Wirtschaftsstudium. All das kulminierte in dem Wunsch, den künftigen Kontext ihres späteren Arbeitsplatzes zu begreifen: Was ist die kulturelle Logik dessen, was in der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft nur Artefakt des grenznutzenorientierten Marktverhaltens eines Homo oeconomicus ist? Welchen Sinn realisieren Kunden in ihrer Lebenswelt? Und wo bleibt die soziale Verantwortung?
Obwohl dieser Protest vordergründig eher die Wirtschaftsdidaktik zu betreffen scheint, hat er doch gravierende Auswirkungen auf die sich verändernden Führungskonzepte und -werte. Denn diese Studenten sind keineswegs Romantiker. Sie sind in gewisser Weise sogar egoistischer als die Karrieristen, weil sie eine neue Definition der Work-Life-Balance befolgen: Der Beruf, in dem man aufgeht, in dem man sich, wenn es sein muss, 16 Stunden am Tag engagiert, soll das ganze Leben repräsentieren. Nur dann lohnt sich das Engagement. Und deshalb suchen sie eine andere Art von Karriere, innerhalb derer sie die Herausforderungen der Unternehmensumwelt ganzheitlich erfassen können – wirtschaftlich, soziologisch und kulturell. Dass sie die formalistischen Ansätze und die klassischen Strategien nebenbei auch noch beherrschen müssen, stellt niemand infrage. Und dass sie ihr Metier verstehen, zeigte sich in der Wahl eines Etiketts für die neue Bewegung: „Postautisten“. Unter diesem Label verbuchten sie einen raschen Erfolg; sie schätzten den Markt der Mentalitäten völlig richtig ein. Bereits wenige Tage nach dem ersten Auftritt nahmen Professoren und Politiker, Zeitungen und Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen den Impuls auf, unterstützten engagiert die Idee einer sanften Rebellion gegen das formalistische Mentalitätsmilieu, eine Website wurde entworfen und das Internetmagazin „post-autistic economics review“ gegründet.
Die im Januar edierte 23. Ausgabe erreicht 6 724 Abonnenten in 145 Ländern. Die Liste der Wissenschaftler, die regelmäßig an der Diskussion um eine neue Mentalität teilnehmen, enthält berühmte Namen. Der Protest reicht so weit, dass der französische Bildungsminister einen renommierten Ökonomen beauftragte, die wirtschaftswissenschaftliche Lehre im Rahmen einer Enquete zu überprüfen.
FÜHRUNGSPRINZIP DER ZUKUNFT
Die Ideen dieses essayistischen Mentalitätsmilieus sind nicht neu. Sie prägen viele Sonntagsreden des amtierenden Managements, sind meist aber nicht mehr als unverbindliche Schmuckfarben im schwarz-weißen Alltag des herrschenden Formalismus. Neu ist, dass junge Menschen nun konsequent fordern, die Prinzipien von Kommunikation und intellektueller Auseinandersetzung mit Umfeldproblemen in den Konzepten zukunftsorientierter Personalentwicklung umzusetzen. Neu ist auch, dass sie ihre eigenen Karrieren auf diese Ziele hin ausrichten. Der Ruf nach einer Reform des Studiums, das den Studenten zu sehr an die ökonometrisch-mathematischen Modelle der Neoklassik gekettet
ist, stellt nur einen ersten Schritt dar. Der zweite Schritt bestimmt ihre Einstiegsideen und die Gestaltung der frühen Berufsjahre.
Empirische Daten zeigen, dass sie konsequent nach Führungskräften suchen, die ihnen Möglichkeiten des grenzenlosen Lernens einräumen. Der deutsche Recruiting-Dienstleister Access fragte in mehreren Stufen zwischen 1999 und 2003 tausende Personen nach ihrem Ideal
eines Arbeitgebers. Das Ergebnis der Untersuchungen: Die jungen Leute suchen nach Vorgesetzen, die Verantwortung übernehmen, bei denen der Weg an die Spitze noch nicht zur rückhaltlosen Befolgung formalistischer Normen geführt hat. Sie suchen nach Managern, die auch Karrieren fördern, die nicht nur nach den Normen der Messbarkeit gewertet werden. Die ideale Führungskraft sollte ihnen neben den Notwendigkeiten des klassischen Kennzahlenmanagements auch Raum für kollegiale Kreativität geben – sie suchen nach Bundesgenossen für das neue Mentalitätsmilieu. Das bedeutet für die Führung, genau jene Wünsche zu berücksichtigen, wie sie die Nachwuchskraft Elena formulierte: Vielfältige Erfahrungen ermöglichen, Karrierewege offen lassen, die Gedanken von Menschen nicht durch Scorecards und Navigationssysteme knebeln und sich als Vorgesetzter im Vertrauen auf die Kompetenz der Mitarbeiter zurücknehmen, die man als führungstauglich erkannt hat. Nur so kann einer der seltsamen Widersprüche im Denken einer breiten Schicht heutiger Führungskräfte behoben werden: Nachwuchs für die Zukunft zu rekrutieren, diesen Nachwuchs aber nach dem zeitgenössischen Managementideal zu formen.
Um die Forderungen umzusetzen, müssen nach den Vorstellungen der Postautisten Menschen mit unterschiedlicher Sichtweise ihren durch jeweils unterschiedliche Erfahrung gewonnenen externen Sachverstand in die Lösung von Problemen investieren. Das systematisch zu organisieren ist eine der neuen Führungsaufgaben der Manager. Sie müssen kommunikativ vernetzte „Führungsfelder“ schaffen. Doch es wäre ein großes Missverständnis, die Suche nach so einer konvivialen, also gemeinschaftlichen Arbeitsatmosphäre mit den üblichen und meist unausgegorenen Modellen flacher Hierarchien und
autoritätsfreier Teamarbeit zu verwechseln. Im Gegenteil: Nur starke Führungspersönlichkeiten ermöglichten diese Führungsfelder, erläutert Michael Jung, Direktor bei McKinsey, als einer der Ersten, die sich mit dieser Idee beschäftigt haben. Um es mit einer alten Metapher auszudrücken: Die amtierenden Riesen hieven die aufmüpfigen Zwerge auf ihre Schultern, damit die weiter sehen als sie selbst und eines Tages die Verantwortung übernehmen können.
REBELLEN IN NADELSTREIFEN
Viele große internationale Studien haben sich mit der Frage befasst, welche unabdingbaren Voraussetzungen eigentlich Erfolg garantieren. Nur wenige seien hier genannt: „Lessons from the Top“ des Personalberater-Multis Spencer Stuart, „Wege zur Unternehmensspitze“ von Heidrick & Struggles, die letzten großen Gallup-Studien oder Hermann Simons „Die heimlichen Gewinner“. Auch die Arbeiten der in dieser Ausgabe präsenten Managementtheoretiker Manfred Kets de Vries und Warren Bennis gehen unmissverständlich in diese Richtung: Als fundamentale Voraussetzung für einen Erfolg, der sich in der anhaltenden Steigerung des Unternehmenswerts und langfristigen Gewinnen erfüllt, zeigt sich vor allem die Fähigkeit zur offenen Kommunikation, gepaart mit der Bereitschaft zur Entwicklung einer exzellenten Organisation aus hervorragenden Persönlichkeiten. Diese sollten in den inhaltlichen Belangen besser sein als ihre Vorgesetzten.
Diese nur kurz skizzierten Befunde lesen sich wie aus dem Programm des essayistischen Mentalitätsmilieus abgeschrieben. Doch die Macht der Formalisten und Egozentriker ist längst nicht gebrochen. Seilschaften aus autoritären Egomanen und karrieristischen Jasagern bestimmen immer noch weite Teile der Wirtschaftsszenerie. Zunehmend aber werden die Konfrontationslinien klarer. Und die Forderungen werden immer einvernehmlicher formuliert, weil das Gespräch zwischen vielen Studenten und Nachwuchskräften nicht mehr nur den schnellsten Wegen zum persönlichen Erfolg gilt, sondern dem Sinn der Arbeit. In diesen Gesprächen in den Management Lounges und auf den Karrieremessen, in den Lehrgängen der Business Schools und auf Kongressen formiert sich das neue Mentalitätsmilieu, das nicht mehr den neoklassischen Idealtypus des Homo oeconomicus
sucht, sondern den idealen CEO von morgen.
Im Zusammenhang mit dem Planspiel „CEO of the Future“
(McKinsey/manager magazin) habe ich empirisch untersucht, wie
Nachwuchsmanager den Charakter des idealen CEOs der Zukunft
sehen. Dabei zeigte sich, dass ganz klar die beschriebenen Merkmale des „konvivialen Managementtypus“ dominieren. Den amtierenden Managern wird in diesen Studien von den Nachwuchskräften ein desolates Zeugnis ausgestellt: Sie halten sie für konservativ, uninspiriert und den Herausforderungen flexibler Märkte nicht gewachsen, weil sie keine soziokulturelle Kompetenz und wenig Bereitschaft zur Öffnung ihrer Managementmethoden erkennen lassen. Der Nachwuchs zeigt sich, was das eigene Profil angeht, extrem selbstbewusst: Das Selbstporträt ist fast mit dem Idealentwurf vom CEO der Zukunft identisch. Die angehenden Manager wissen, dass sich nur in der Bereitschaft zur Kommunikation unter verantwortungsvoller Führung jene Loyalität verankern lässt, die zu einem konstanten „intellektuellen Wertschöpfungsprozess“und damit zu einem gravierenden Wettbewerbsvorteil in der wissensbasierten Wirtschaftswelt des 21. Jahrhunderts auswächst. Man wird sie brauchen, weil sie die Charaktereigenschaften und die Leidenschaft besitzen, sich von einer verantwortungsvollen Führung auf ihre eigene Führungsrolle vorbereiten zu lassen.
Und da sie in der Tat keine weltfremden Romantiker sind und neben der großen Faszination gegenüber dem konvivialen Management auch eine kleine Faszination für Zahlen und statistische Trends pflegen, haben sie längst analysiert, dass sie als Mitglieder geburtenschwacher Jahrgänge relativ wenige sind. Die demografische Situation führt bereits jetzt zu ersten Knappheiten auf dem umkämpften Markt der hochmögenden
Nachwuchskräfte. Also wird man tun, was sie wollen. Das zeigt schon, dass sie geeignet sind, die Führungspositionen in einer
„idea based economy“ des 21. Jahrhunderts zu übernehmen. Doch werden sie im Alltag beweisen müssen, dass sie auch unter dem dann normalerweise herrschenden Zeitdruck in der Lage sein werden, ihre Ideale zu erhalten.
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Studium der Geisteswissenschaften - nur Bildung, kein Job? 7. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : GeistesWissenSchaft , einen kommentar schreibenWas wird eigentlich Abiturienten geraten, falls Sie den Wunsch äußern, ein Studium der Geisteswissenschaften aufzunehmen? Das abimagazin lieferte einen (auch für Studenten!) äußerst interessanten Artikel:
Studium der Geisteswissenschaften - Bildung statt Beruf?
Rund eine halbe Million Studierende haben sich derzeit für ein geisteswissenschaftliches Fach eingeschrieben. Dabei sind ihre Chancen, später als Historiker, Kunstgeschichtler oder Soziologe zu arbeiten, denkbar schlecht. Vielleicht liegt darin auch ein Grund, warum die Quote der Studienabbrecher mit über 30 Prozent vergleichsweise hoch ist. Lohnt es sich trotzdem, ein geisteswissenschaftliches Studium aufzunehmen? „Ja“, sagen die Experten – gefolgt von einem „aber bedenken müssen Sie …
Marco Zingler hat gelernt, politische Systeme in ganz Europa zu vergleichen. Er weiß über den Minnesang des Mittelalters Bescheid und was der Philosoph Immanuel Kant mit dem kategorischen Imperativ gemeint hat. Neben seinem Abschluss Politik, Philosophie und Geschichte hat er auch noch ein Grundstudium in Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft absolviert. Viele der Bücher, die er sich damals ins Regal seines Studierzimmers gestellt hat, besitzt er heute noch. Allerdings sieht er sich mittlerweile nach anderem Material um, wenn er sich weiterbilden möchte. Aus dem Bücherladen ist das Internet geworden und statt um Kulturen kümmert er sich um Kunden.
Denn der Schreibtisch des 33 Jahre alten Geisteswissenschaftlers steht nicht in einer politikwissenschaftlichen Forschungseinrichtung, einem Verlag für Philosophie oder an einer Akademie für Theaterwissenschaften. Marco Zingler hat den Geisteswissenschaften adieu gesagt und ist zur Internetbranche gewechselt. Als Geschäftsführer der Oneview Internet Systems & Services GmbH ist er unter anderem verantwortlich für die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Die Firma produziert Software, die den Aufbau von Intranets unterstützt. Marco Zingler beschäftigen Fragen wie diese: Für welche Unternehmen können unsere Produkte interessant sein? In welche Richtung soll sich das Unternehmen weiterentwickeln? Wie können wir den Nutzern unserer Software jederzeit an jedem Endgerät die richtigen Informationen zur Verfügung stellen? Patchwork-Karrieren
“Karrieren wie diese sind nicht untypisch für Geisteswissenschaftler”, urteilt etwa Dr. Erich Behrendt. Der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Soziologen analysiert seit Jahren den Arbeitsmarkt für Gesellschaftswissenschaftler. Während Betriebswirte, Ingenieure und Juristen in der Regel ihr Studium auf klar definierte Tätigkeitsfelder ausrichten können, treffe man bei Geisteswissenschaftlern eher auf Patchwork-Karrieren: Ihr beruflicher Weg setzt sich zusammen wie eine aus verschiedenen Stofflappen bestehende Decke. Wie für Marco Zingler ist für viele die wissenschaftliche Ausbildung das erste und die spätere Arbeit das zweite paar Stiefel. Ein Großteil der derzeit über eine halbe Million geistes- und sozialwissenschaftlichen Studierenden wird wohl auf dem weiteren Berufsweg das erste Paar in der Ecke stehen lassen. Denn viele werden Aufgaben übernehmen, die mit den ursprünglichen Studieninhalten gar nichts mehr zu tun haben. Wer gehört zu den Geisteswissenschaftlern?
Wer ist eigentlich Geisteswissenschaftler?
Als Geisteswissenschaftler werden Absolventen philosophischer, theologischer, sprach-, geschichts- und kulturwissenschaftlicher Studiengänge sowie Soziologen und Politologen bezeichnet. Sie haben ihr Studium nicht mit einem Staatsexamen, sondern in der Regel mit einem Magisterabschluss, seltener mit einem Bachelor- oder Masterabschluss, beendet. Verlegenheitslösung?
Warum also überhaupt Sprach- und Kulturwissenschaften, Politik, Soziologie oder Kunst studieren? Nur aus Spaß an der Freud? Sind Geisteswissenschaften für viele Abiturienten eine “Fluchtburg, weil sie der harten Realität noch eine Weile ausweichen wollen”, wie Thomas Schmitz, Literaturwissenschaftler an der Frankfurter Universität bekennt? Studieren Sie nur so lange, bis ihnen etwas Besseres einfällt?
“Mitnichten”, meint etwa Dr. Heiko Konrad, Diplom-Sozialwirt und Leiter der Abteilung Aus- und Fortbildung beim Hessischen Rundfunk und Verfasser der Studie zum Thema “Sozial- und Geisteswissenschaftler in Wirtschaftsunternehmen”. Längst stünde bei Einstellungsgesprächen nicht nur das reine Fachwissen im Vordergrund: “Vom akademischen Wissen kann man in der Unternehmenspraxis in der Regel wenig anwenden. Das gilt aber letztlich für alle Studienrichtungen - selbst für die Betriebwirtschaftler”, sagt er provokant.
Bildungs- statt Berufsstudium
“Geisteswissenschaftliche Studiengänge sind in den wenigsten Fällen eine reine Berufsausbildung”, erklärt Michael Stephan vom Staufenbiel Institut für Studien- und Berufsplanung. Es gehe viel mehr um Bildung als um Beruf. “Aber da erlerntes Wissen eine immer kürzere Halbwertszeit aufweist, werden Schlüsselkompetenzen wie Lernfähigkeit, Flexibilität, zügiges und strukturiertes Arbeiten, analytisches Denkvermögen und betriebswirtschaftliches Verständnis in vielen Bereichen fast wichtiger als die im Studium erworbenen Fachkenntnisse.” Die Studieninhalte sind gewissermaßen Mittel zum Zweck, um die wichtigen weichen Schlüsselqualifikationen auszubilden.
Was sind “geisteswissenschaftliche Schlüsselqualifikationen”?
Geisteswissenschaftlern werden in der Regel bestimmte Schlüsselqualifikationen zugeschrieben. Wie sehen diese Kompetenzen aus, die Geisteswissenschaftler für berufliche Aufgaben besonders qualifizieren sollen?
- Kommunikationsfähigkeit ist diejenige Schlüsselqualifikation, die Geisteswissenschaftlern von Personalverantwortlichen am stärksten zugeschrieben wird. Bei keiner anderen Studienrichtung wird so viel referiert, argumentiert und diskutiert. Ein Pfund, mit dem Geisteswissenschaftler durchaus wuchern können: Wer zu kommunizieren gelernt hat, kann beim Vorstellungsgespräch und im Beruf leichter überzeugen.
- Analytische und konzeptionelle Fähigkeiten werden unter anderem durch die Vorbereitung auf Diskussionen oder das Erarbeiten von Hausarbeiten gefördert. Im Beruf werden sie beispielsweise zur Ausarbeitung von Strategien und für Konzepte - etwa für einen Internetauftritt oder bei der Einführung eines neuen Produkts - benötigt.
- Präsentationsfähigkeiten gehören zu den wohl wichtigsten Kompetenzen, die Geisteswissenschaftlern zugerechnet werden. Wer während seines Studiums geübt und gelernt hat, Referate zu halten, Ideen und Zusammenhänge zu erklären, sollte sich später im Beruf gut und selbstbewusst ausdrücken können: Bei der Vorstellung neuer Konzepte ebenso wie bei Kunden- oder Personalgesprächen.
- Begeisterungsfähigkeit und Eigeninitiative müssen Geisteswissenschaftler fast zwangsläufig besitzen. Bis auf den Bereich Lehramt studieren viele ihr Fach in der Regel nur aus Interesse, ohne ein festes Berufsbild vor Augen zu haben. Sie müssen viel Initiative aufbringen, um ihr Studium selbst zu strukturieren und die Freiheiten geisteswissenschaftlicher Fächer für sich zu nutzen. Deshalb gelten diese Absolventen auch als besonders motiviert für die spätere Projektarbeit im Beruf.
- Flexibilität und Organisationstalent sind wesentliche Voraussetzungen für fast jeden Beruf. Geisteswissenschaftler sind schon während ihres Studiums darauf angewiesen, sich auf häufig wechselnde Projekte und Anforderungen einstellen zu können. Das Studium muss flexibel strukturiert und Seminararbeiten und Referate so organisiert werden, dass sie sich nicht überschneiden. Außerdem dürfen gerade da, wo Flexibilität und Selbstorganisation gefragt sind, Ziele nicht aus den Augen verloren werden.
- Kreativität lässt sich im geisteswissenschaftlichen Studium besonders intensiv ausleben. Nirgends sonst gibt es so viel Freiraum etwa bei der Wahl von Schwerpunkten und der Gestaltung und Vermittlung von Ideen und Inhalten wie hier. Wer diesen Freiraum sinnvoll (und kreativ) nutzt, kann im Beruf zum kompetenten Problemlöser werden, weil er Situationen und Schwierigkeiten von den verschiedensten Seiten betrachtet und unkonventionelle Ideen hat.
Das sieht auch Geisteswissenschaftler und IT-Fachmann Marco Zingler so: “Geschichte, Politik und Philosophie haben mich zu einem Generalisten ausgebildet, der sich sehr schnell in die unterschiedlichsten Themen und Situationen hineinarbeiten, sich selbstständig alle relevanten Informationen erschließen und die Ergebnisse adäquat präsentieren kann”, sagt er. Verena Voigt, die nach ihrem Studium der Kunstgeschichte ein Zeitungsvolontariat absolvierte und vor fünf Jahren ein Büro unter anderem zur PR-Beratung für die Kulturwirtschaft gründete und auch Studierende berät, sieht Formalien wie ihre Abschlussnoten sogar als unwichtig. Es komme vielmehr darauf an, “Nischen zu entdecken, sie auszubauen und über Jahre hinweg zu pflegen”.
Zu einem vergleichbaren Schluss kommt auch Ulrich Holst. Der ehemalige Theologie-Student ist freier Berater in der beruflichen Bildung und Personalentwicklung sowie Buchautor. “Personalentscheider fragen in erster Linie nicht nach dem Wissen, sondern nach dem Können - mit anderen Worten nach der Kompetenz”, so der Personalberater. Viele Einsatzfelder und hohe Hürden
“Nur ein Bruchteil der Stellenangebote für Geistes- und Sozialwissenschaftler beziehen sich auf deren fachliche Ausbildung”, sagt Manfred Bausch, Sachgebietsleiter Geistes- und Sozialwissenschaften der Arbeitsmarktinformationsstelle in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesanstalt für Arbeit. Wenn überhaupt, kämen solche Angebote überwiegend aus der Wissenschaft, aus dem Kultursektor, aus öffentlichen und privaten Bildungseinrichtungen, von Gebietskörperschaften, von Vereinen und manchmal beispielsweise auch aus Wissenschaftsverlagen. “Vermehrt fassen die Absolventen die freie Wirtschaft als Arbeitsfeld ins Auge, und auch die Wirtschaft öffnet sich ihnen gegenüber”, so seine Erfahrung.
Doch alle diese positiven Signale dürfen über mindestens vier hohe Hürden nicht hinwegtäuschen:
1. Geisteswissenschaftliche Studiengänge sind in der Regel sehr unstrukturiert. “Die großen Gestaltungsspielräume führen bei nicht wenigen Studierenden zu Orientierungsproblemen und in der Folge zu Motivationsdefiziten”, vermutet eine aktuelle Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Verbunden mit unsicheren beruflichen Aussichten würde sich damit auch der vergleichsweise hohe Anteil an Studienabbrechern unter den Geisteswissenschaftlern erklären: Bei Sprach- und Kulturwissenschaften sind es rund 33 Prozent, bei den Sozialwissenschaften sogar über 40 Prozent, so die Studie.
2. Schlüsselqualifikationen ändern nichts daran, dass für Geisteswissenschaftler der Eintritt auf den Arbeitsmarkt mit mehr Barrieren als bei anderen akademischen Berufen versehen ist, weil sie selten in ein klassisches Berufsbild passen. Zumal sich ein “blindes Vertrauen auf die Schlüsselqualifikationen als gefährlicher Irrglaube herausstellen könnte”, mahnt Michael Stephan vom Staufenbiel Institut: “Schlüsselqualifikationen dienen eben nur als Schlüssel, um die Fachkenntnisse auch im betrieblichen Alltag überzeugend ein- und umsetzen zu können”. Wer sich aber im Studium erfolgreich darum gedrückt habe, im Seminar ein Referat zu halten, wird später Schiffbruch erleiden.
3. Geistes- und Sozialwissenschaftler können ihre Kompetenz nur in der Praxis unter Beweis stellen. Wer nicht frühzeitig Praktika bei Unternehmen absolviere und sich nicht in Richtung Wirtschaft weiterbilde, lasse viele Chancen ungenutzt.
4. Derzeit geht die Nachfrage nach Akademikern generell zurück. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres reduzierte sich das Angebot an Stellen für Personen mit einem Hochschulabschluss von 128.000 auf nur noch knapp 100.000. Ein Rückgang von 22 Prozent! Ende September 2002 waren laut ZAV 10.450 Geisteswissenschaftler arbeitslos gemeldet, eine Steigerung um 17 Prozent.
“Zwar haben”, so Manfred Bausch, “Geisteswissenschaftler keineswegs mehr als andere akademische Berufsgruppen unter dem Anstieg der Arbeitslosigkeit zu leiden” - ein vergleichsweise schwacher Trost. Das Stellenaufkommen für Geisteswissenschaftler war in diesem Zeitraum mit rund 1.000 Angeboten um fast ein Drittel niedriger als im Jahr 2001. Die künftige Entwicklung ist unsicher. Hinzu kommt, dass Arbeitgeber im Zweifel oftmals lieber Absolventen etwa aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften einstellen. Lehramt als Alternative
Etwas anders sieht es derzeit bei den Geisteswissenschaftlern aus, die sich in Richtung Lehramt weiterbilden wollen. “Angesichts des akuten Lehrermangels könnte es für den ein oder anderen Geisteswissenschaftler durchaus sinnvoll sein, ein Staatsexamen, das für das Lehramt befähigt, mit in die beruflichen Überlegungen einzubeziehen”, so Manfred Bausch. Hier liegen zusätzliche Berufsperspektiven, die der Magister- oder Masterabschluss nicht bietet. In den nächsten zehn bis 15 Jahren werden vermutlich rund 50 Prozent der heutigen Pädagogen pensioniert. Die rosarote Brille aufzusetzen, erlauben diese Zahlen allerdings nicht. Eine Garantie, dass der Staat den gesellschaftlich notwendigen Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften auch tatsächlich deckt, gibt es nicht.
Was also ist Abiturienten zu raten? Sicher ist: Es macht keinen Sinn, bei einer Einschreibung an der Hochschule seinen Blick nur auf die beruflichen Aussichten zu lenken. Dafür ändern sich die Anforderungen zu schnell, und es wäre nicht gescheit, auf Biegen und Brechen ein Fach zu studieren, das einem nicht zusagt. Auch darin sind sich die Experten einig. Wer aber ein geisteswissenschaftliches Studium aufnimmt, der sollte die Chancen der Freiheit dieser Fächer auch nutzen, um nach links und rechts zu sehen, also auf den Ausbau seines Fachwissens und seiner Schlüsselqualifikationen achten und frühzeitig aktiv auf den Arbeitsmarkt zugehen.
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Denk’ nach! Was Schach und Management gemeinsam haben 6. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Management , einen kommentar schreibenEigentlich sollte einem beim Blick in die Bücherregale klar sein, dass es fast keine zwei Themen gibt, die nicht irgendwie miteinander in Beziehung gesetzt wurden. Und in der Tat hat sich ein Autor dran gesetzt und ein Buch zum Verhältnis von Schach und Management geschrieben: Unter dem marketing-gerechten Titel “SCHACH! Dem Manager” lässt sich alles zu den Gemeinsamkeiten nachlesen. Schließlich eint beide “Denksportarten” die Suche nach der richtigen Strategie.
Fragt sich nur, wieviel ein Manager oder Management-Interessierter aus dem Schachspiel für seine strategischen Überlegungen nutzen kann. Schach als uralter Denksport hätte von Managern schon früher entdeckt werden können, falls es einen erkennbaren direkten Einfluss auf ihr Handeln hat. Stattdessen glaube ich, dass hier lediglich ein altes Gericht mit neuem Dekor aufgefahren wird. Schach fördert erwiesener Maßen das Konzentrationsvermögen, lehrt besonnenes rationales Vorgehen und schult (wie soll es auch anders sein) das Denken in strategischen Fragestellungen - im laufe eines Brettspiels! Dass Schach also als “Gehirnjogging” und geistiges Training (besonders als Gegenpol zur hetzigen Management-Welt!) einen guten Dienst tut, ist unbestritten. Als echte Inspirationsquelle einer Strategie-Philosophie halte ich es jedoch für überbewertet.
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Philosophie und Wirtschaft - das neue Traumpaar? 5. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Wirtschaftsethik , einen kommentar schreibenIn letzter Zeit scheinen wirtschaftsphilosophische Themen des öfteren den Weg in die Medien zu finden. Dass es sich dabei um ein für interdisziplinäre Geisteswissenschaftler interessantes Thematik handelt, habe ich versucht, im Kapitel Wirtschaftsethik darzustellen. Warum aber die Liaison aus Geld und Geist nun genau eine Zukunft haben soll, konnte ich nie an irgendetwas festmachen. Hier hilft ein Artikel der Philosophie-Seite philosophers today:
Philosophie und Wirtschaft – eine in die Zukunft weisende Verbindung
Der landläufig im Begriff Ökonomisierung zusammengefaßte Einfluß des wirtschaftlichen Handelns auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben nimmt unaufhaltsam zu. In vielen Bereichen hat die Ökonomie bereits die Rolle, die ehedem die Politik inne hatte, übernommen. Diese Entwicklung geht auch an der Philosophie nicht spurlos vorüber. Beschränkte sich traditionell ihr Verhältnis zur Wirtschaft im Wesentlichen auf die drei Bereiche «Ökonomiekritik», «Wirtschaftsethik» und «Lebensweisheiten für Manager», so ist mittlerweile eine, wenn auch oftmals ambivalente Annäherung von beiden Seiten zu beobachten:
* Seitens der Wirtschaft besteht ein allmählich aufkommendes Interesse an den Fähigkeiten der Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge.
* Das Marketing kann im selben Maße, wie es von einer Theorie des Verkaufens zu einer soziologisch geprägten Marktanalyse und -gestaltung wurde, als wichtigste Realisationsinstanz politischer Philosophien angesehen werden.
* Hinter Begriffen wie Marken- und Unternehmenphilosophie verbergen sich längst Konzepte sozialer Identitäten.
* Marken selbst treten zugleich als Kulminationspunkte von Ideen und Ideologien wie als kommunikative Zeichen auf.
* Die im Vergleich zur Betriebswirtschaftslehre seit jeher theoretisch ausgerichtete Volkswirtschaftslehre hat sich im Zuge der Auflösung nationalstaatlichen Wirtschaftens und einer veränderten Geldwirtschaft zunehmend von einer mathematisch-naturwissenschaftlich geprägten in eine eher psychologisch-geisteswissenschaftliche Disziplin verwandelt.
Aber auch seitens der Philosophie bzw. genauer mancher Philosophen ist mittlerweile ein Interesse an wirtschaftlichen Fragestellungen ausmachbar, das noch vor zehn oder zwanzig Jahren kaum möglich schien. Es wird deutlich durch …
… Philosophen, die freiberuflich oder als selbständige Unternehmer tätig sind
… Philosophen, die ihre Dienste im Rahmen einer Beratungstätigkeit dem Management anbieten oder selbst ins Management wechselten
… neue Studiengänge, die eine Verbindung von Philosophie und Wirtschaft evaluieren
… Autoren und Philosophiepädagogen, die sich dieser neuen Liaision zuwenden u.v.a.m. philosophers today will dieser beiderseitigen Annäherung Rechnung tragen und auf dieser Seite auf einschlägige Angebote aufmerksam machen. Schreiben Sie uns, wenn Sie selbst in diesem Segment tätig sind oder Ihnen etwas aufgefallen ist, was für diese zukunftsweisende «Schnittstelle» relevant sein könnte. Wir nehmen Ihren Hinweis gerne auf.
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Verlage und ihre geisteswissenschaftlichen Verehrer 3. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Unternehmen , einen kommentar schreibenDass wirtschaftsnahe Geisteswissenschaftler bei der Jobsuche nicht immer in direkte Konkurrenz zu BWLern treten müssen, wurde von mir in den letzten Wochen ein wenig übersehen. Um auch wieder einmal ein klassisches Berufsfeld für GSWler vorzustellen, hier ein Portrait über das Verlagswesen. Ich verweise dazu auf einen Artikel bei stellenboersen.de. Gegenstand des Beitrags ist eine Betriebsbesichtigung bei dem traditionsreichen Verlag Vandenhoeck&Ruprecht.
Perspektiven für Geisteswissenschaftler - Berufsfelder im Verlag
Eine gängige Antwort auf die Frage nach späteren Berufswünschen lautet unter Geisteswissenschaftlern häufig „irgendetwas im Verlag“. Ob die Vorstellung jedoch der Realität entspricht und welche Möglichkeiten sich tatsächlich bieten, weiß dabei kaum einer. Eine Betriebserkundung im Göttinger Traditionsverlag Vandenhoeck&Ruprecht, organisiert vom Hochschulteam, brachte jetzt Licht ins Dunkel.
Über 50 interessierte StudentenInnen hatten sich auf die 20 zur Verfügung stehenden Plätze gemeldet. Laut Irene Ocker, Arbeitsberaterin vom Hochschulteam, ein voller Erfolg. Die Erwartungen der TeilnehmerInnen an diesen Nachmittag waren unterschiedlich. Einige wollten nur mal sehen, wie es hinter den Kulissen aussieht, andere wiederum suchten gezielt nach einem möglichen Praktikumsplatz oder einem potentiellen Arbeitgeber. Willkommen war jeder, vom Erstsemester bis zum Doktoranden. Über zwei Stunden lang berichtete Regina Lange, Pressesprecherin von Vandenhoeck&Ruprecht, über die Arbeit im Verlag. Darüber hinaus stellte sie Berufsfelder vor, beantwortete Fragen und ging auf die Voraussetzungen ein, die Bewerber mitbringen sollten, wenn sie sich für ein Praktikum oder einen Arbeitsplatz bewerben wollen.
Der 1735 gegründete Verlag wird heute in der siebten Generation als Familienunternehmen geleitet und unterscheidet sich daher von anderen Verlagen, die z.B an Großkonzerne angeschlossen sind. Zu dem Göttinger Familienunternehmen gehört neben einer Druckerei auch die Buchhandlung Deuerlich. Das Programm von V&R reicht von wissenschaftlichen Werken über Fachbücher bis hin zu Schulbüchern. Jeder der in der Schule mal Latein gemacht hat, wird sich an das „Compendium“ oder das Buch „Ianua Nova“ erinnern.
Doch was haben Geisteswissenschaftler jetzt mit Schulbüchern zu tun? Das es notwendig ist WissenschaftlerInnen und Fachleute in den Produktionsprozess von Fachliteratur miteinzubeziehen, versteht sich von selbst, doch auch im Vertrieb ergeben sich interessante Berufschancen, die den Meisten unbekannt sind. Ein oft erwähnter Bereich ist sicherlich das Lektorat. Die Fähigkeit und Bereitschaft sich mit seitenlangen Zahlenkolonen und Statistiken auseinanderzusetzen gehört in diesem Bereich jedoch zu den Voraussetzungen. Ein Punkt, den viele unterschätzten so Regina Lange. Schließlich muß hier die Absatzerwartung für die spätere Festlegung der Auflagenhöhe definiert werden. Bei ca. 80 000 Neuerscheinungen im deutschsprachigen Raum ist es notwendig, ein Buch zu vermarkten. Wer über Kommunikationsfähigkeit, Überzeugungskraft, eine gute Allgemeinbildung und eine Portion Hartnäckigkeit verfügt, zudem gerne telefoniert und Kontakte knüpfen kann, kreativ ist und Organisationstalent besitzt könnte im Marketing bzw. der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit glücklich werden. Hier kommt es vorallem darauf an, ein Buch zu präsentieren, sei es auf Messen, Ausstellungen oder bei speziellen Präsentationen für LehreInnen. Kontakte zu überregionalen Zeitungen und zur Fachpresse müssen gepflegt werden, damit das Buch an richtiger Stelle rezensiert wird. Ebenso müssen diese Rezensionen den eigenen Mitarbeitern zugänglich gemacht werden. Dies geschieht anhand des hauseigenen Pressespiegels, dessen wöchentliche Erstellung ebenfalls in den Aufgabenbereich der Presseabteilung fällt.
Im Vertrieb wird neben der ständigen Betreuung des Buchhandels überlegt, für wen das jeweilige Buch interessant sein könnte und was einzelne Vertriebswege kosten würden. Spannend kann dabei die Arbeit mit eher untypischen Kunden wie Großkonzernen oder Autohäusern sein, denen man bestimmte Bücher zum Beispiel als Weihnachtsgeschenk für Kunden oder Mitarbeiter anbieten kann. Auch hier sollte man kommunikationsstark sein und gerne Produkte präsentieren. Akurates Arbeiten, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gehören ebenso dazu, wie ein Sinn für Zahlen und Statistiken. Fremdsprachenkenntnisse sind immer von Vorteil.
Wer diese Vorrausetzungen mitbringt und sich für die Arbeit in einem Verlag interessiert, kann sich als PraktikantIn bei V&R bewerben. Plätze gibt es im Lektorat (Dauer 4-6 Wochen) und im Marketing (Presse, Werbung, Vertrieb) ab mindestens drei Monaten Dauer. Gerne genommen werden PraktikantenInnen, mit bereits abgeschlossenem Studium oder Examenskandidaten. Erste Erfahrungen im Bereich Verlagswesen helfen weiter. Die wichtigsten Kriterien seien jedoch Interesse und Motivation der BewerberInnen, sagt Frau Lange, die Studienfächer selbst seien nicht allein ausschlaggebendes Kriterium. Sie selbst hat Soziologie, Germanistik und Politikwissenschaft auf Magister studiert und hat nun den Job gefunden, der ihr „richtig Spaß macht“.
Zum Abschluß gab es noch eine Führung durch das Verlagsgebäude in der Robert-Bosch-Breite. Nach 2 1/2 Stunden sind alle 20 TeilnehmerInnen um einige Informationen reicher. Die Veranstaltung kam durchweg gut an und für einige haben sich tatsächlich neue Perspektiven ergeben. Zudem konnte man am Rande noch den einen oder anderen Tip für die eigene Bewerbung mitnehmen. Frau Ocker vom Göttinger Arbeitsamt bestätigt die Aussagen von Frau Lange. Es sei wichtig, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und sich über einen Beruf vor der Bewerbung zu informieren. Nur wer darstellen könne, warum er sich auf eine bestimmte Stelle beworben hat, könne im Vorstellungsgespräch überzeugen. Daher solle man schon vorher seine Interessen und Fähigkeiten dokumentieren z.B. durch Zeugnisse von Nebenjobs o.ä.
Wer nicht weiß, ob er auf dem richtigen Weg ist, wie man sich bewerben soll oder wer mal eine ähnliche Betriebserkundung mitmachen möchte findet Hilfe und Informationen beim Göttinger Hochschulteam. Gerade heutzutage kann es doch nur von Nutzen sein, solche Angebote anzunehmen, damit man nicht nach dem Studium rat-und orientierungslos dasteht. Die Betriebserkundung bei Vandenhoeck&Ruprecht jedenfalls war eine sehr gute Möglichkeit, sich mit dem Thema Berufsfindung einmal näher zu beschäftigen. 20 GeisteswissenschaftlerInnen wissen jetzt jedenfalls genauer, was hinter dem Berufswunsch „irgendetwas im Verlag“ steckt.
[Information: die Betriebserkundung fand am 17.6.03 statt und wurde vom Hochschulteam Göttingen unter der Leitung von Arbeitsberaterin Frau Irene Ocker initiert. Weitere Infos zu Verantstaltungen, Fortbildungen, Workshops und allen Themen rund um Studium und Beruf gibt es unter www.anstoesse.de oder in der Broschüre „Anstösse- Karriere beginnt im Studium“, die in der Uni ausliegt.]
Von Kareen Wischnewski
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Grundeinkommen für alle - und schon geht’s bergauf? 2. April 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Initiativen , 9kommentareDurch das Lesen anderer Blogs stößt man in den Blogrolls bzw. Linklisten auf sehr eigenwillige “rebellische” Interessengruppen, so wie die Initiative “Freiheit statt Vollbeschäftigung“. Die Forderungen sind radikal (Aufmerksamkeit ist ein teures Gut!), aber auch nicht völlig von der Hand zu weißen. Um die persönliche Meinung gegen den Strich zu bürsten und ein bisschen ins Grübeln zu kommen, sind sie aber allemal gut.
Wie es sich für eine Gruppe mit politischem und volkswirtschaftlichem Anliegen gehört, haben sie ihre Kernbotschaft in Thesen und Forderungen zusammengepackt:
Thesen der Initiative “Freiheit statt Vollbeschäftigung”
1. Arbeitsleistung zur Grundlage der Teilhabe am Wohlstand zu machen, ist gerecht, solange Wohlstand überwiegend durch menschliche Arbeitskraft erzeugt wird. Heute aber wird menschliche Arbeitskraft mehr und mehr durch „Maschinen“ (Automaten, Computersoftware) ersetzt. Halten wir dennoch an der ausschließlichen Verteilung von Einkommen über Arbeitsleistung fest, führt das entweder zu steigender Arbeitslosigkeit oder zu sinkenden Einkommen.
2. Der Wohlstand unseres Landes ist der Wohlstand aller Bürger. Er geht auf die Leistungen aller Bürger zurück, auch auf die Leistungen vorangehender Generationen. Deshalb gebietet es die Gerechtigkeit, alle Bürger an diesem Wohlstand zu beteiligen.
3. Unser Wohlstand ist das Ergebnis erfolgreicher Innovationen. Innovationen steigern die Produktivität und befördern die Wertschöpfung: Sie ermöglichen es, Arbeitsabläufe zu automatisieren und menschliche Arbeitskraft einzusparen.
Arbeitslosigkeit ist kein Zeichen von Armut, sondern ein Ausdruck der Produktivität und des Vermögens unseres Landes.
4. Verzicht auf Innovationen ist Verzicht auf Wohlstand und damit auf Freiheit von unnötiger Arbeit. Freiheit der Bürger ist auch Freiheit von unnötiger Arbeit, die durch programmierbare Automaten verrichtet werden kann.
5. Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger zur Arbeit zu zwingen, mißtraut ihrer Gemeinwohlbindung und schränkt die bürgerlichen Freiheiten ein.
6. Das Festhalten am Ziel der Vollbeschäftigung hat zur Folge, daß Arbeitslose und Arbeitnehmer für die wirtschaftliche Produktivität unseres Landes bestraft werden. Sie werden gezwungen, ihre Arbeitskraft zu sinkenden Löhnen und Gehältern bei reduzierter sozialer Absicherung zu verkaufen, obwohl ihre Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird.
7. Das Festhalten am Ziel der Vollbeschäftigung hat zur Folge, daß Bürger – ohne Not – dauerhaft zu Tätigkeiten gezwungen werden, die automatisierbar sind. Automatisierbare Arbeit ist ersetzbare Arbeit; ersetzbare Arbeit kann nicht sinnstiftend sein. Das Festhalten am Ziel der Vollbeschäftigung geht somit für eine steigende Anzahl von Bürgern mit dem Verlust beruflicher Sinnstiftung einher.
8. Das Festhalten am Ziel der Vollbeschäftigung zieht eine Verschwendung von Lebenszeit der Bürger nach sich, weil sie an geisttötende, unwürdige Arbeiten gebunden werden. Die Zeit wird sinnlos „abgesessen“ und kann nicht für sinnvolle Tätigkeiten genutzt werden; die Würde des Menschen wird mißachtet.
9. Wenn Würde und Integrität von Menschen nicht mehr die oberste Richtschnur politischer Entscheidung sind, wird das politische Gemeinwesen in seinen Grundfesten erschüttert.
Wir schlagen vor:
Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger …
… stärkt die Familie. Sie kann sich der Erziehung und der Fürsorge für ihre Kinder widmen, ohne sich um ihre Einkommenssicherung zu sorgen.
… fördert Innovation in allen gesellschaftlichen Bereichen und ermöglicht die dazu erforderliche Muße. Innovative Ideen können frei entwickelt werden, ohne daß sie vom Absatz an einem Markt abhängig sind.
… stärkt die Unternehmen. Sie können automatisieren, ohne sich Sorgen um entlassene Mitarbeiter zu machen. Sie können auf leistungsbereite Mitarbeiter setzen, denn Erwerbsarbeit wird freiwillig geleistet.
… stärkt die Volkswirtschaft. Unproduktive Industrien und Wirtschaftszweige müssen nicht mehr subventioniert werden.
… ermöglicht einen umfassenden Abbau von Bürokratie, auch in den Sozialsystemen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ersetzt weitestgehend bestehende Sozialleistungen.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger stärkt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und gibt ihnen die Freiheit dazu.
Ute Fischer, Stefan Heckel, Axel Jansen, Sascha Liebermann, Thomas Loer