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Heidelberger Geisteswissenschaftler als “weißer Ritter” 16. Februar 2006

Veröffentlicht von Frank Walzel in : GeistesWissenSchaft , 4kommentare

Wer glaubt, es gehe nur den Geisteswissenschaftlern an den Kragen, hat sich getäuscht. In Heidelberg wurden Pläne, das traditionsreiche Alfred-Weber-Institut zu schließen und mit Mann und Maus an die Universität Mannheim abzugeben, erst in letzter Minute zu den Akten gelegt. Jetzt soll es ein neuer interdisziplinärer Bachelor-Studiengang richten, der u.a. den Anschluss an geisteswissenschaftliche Fächer wie Politologie, Soziologie, Geschichte und Psychologie sucht. Er hört auf den schönen Namen “Politische Ökonomik” und wird sich in den Methoden hauptsächlich an der Institutionenökonomik und der Verhaltensökonomik ausrichten.

Mir waren bisher nur Fälle bekannt, in denen geisteswissenschaftliche Fächer den Kontakt zu den Wirtschaftswissenschaften suchten. Schön, dass der Trend zu “Interdisziplinärem” auch anders herum funktioniert. Hier der FAZ-Artikel von der Homepage der Fachschaft VWL:

Die Heidelberger Ökonomen frohlocken

Die Universität trennt sich doch nicht von den Wirtschaftswissenschaften, sondern modernisiert sie und stockt das Personal auf

Wenn das Stuttgarter Wissenschaftsministerium das neue Konzept billigt, dann wird sich die Volkswirtschaftslehre in Heidelberg künftig auf die wissenschaftlichen Methoden der Institutionenökonomik und der Verhaltensökonomik spezialisieren. Dafür sind sogar neue Lehrstühle geplant.

orn. HEIDELBERG, 9. Februar. An der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Heidelberg herrscht Aufbruchstimmung. Ein knappes Dreivierteljahr nach der für alle Beteiligten überraschenden Ankündigung des Rektorats, die Wirtschaftswissenschaften würden “im Rahmen der seit 1998 bestehenden Kooperation” vollständig an die Universität Mannheim verlagert, hat sich die Lage nach umfangreichen Protesten von Professoren und Studenten komplett gewendet. Das traditionsreiche Alfred-Weber-Institut (AWI) wird nun nicht wie ursprünglich geplant geschlossen oder zumindest drastisch verkleinert, sondern der volkswirtschaftliche Studiengang soll gemäß dem Entwurf einer internationalen Kommission unter dem Label “Politische Ökonomik” neu ausgerichtet und die Fakultät personell sogar gestärkt werden.

Inhaltlich wird sich die Volkswirtschaftslehre in Heidelberg künftig auf die wissenschaftlichen Methoden der Institutionenökonomik und der Verhaltensökonomik (”Behavioral Economics”) spezialisieren. Als Themenschwerpunkte sind dabei Umwelt und Ressourcen, Arbeit und Humankapital, Entwicklung und Transformation sowie “Governance” geplant. Die Besonderheit des neuen, sechs Semester umfassenden Bachelor-Studiengangs - ein Master-Studiengang soll mittelfristig folgen - liegt vor allem in dem geplanten interdisziplinären sozialwissenschaftlichen Ansatz. “Das ist jetzt der Studiengang, den ich hätte studieren wollen, wenn es ihn denn damals schon gegeben hätte”, schwärmt Jörg Oechssler, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftstheorie, der sich nunmehr gemeinsam mit Professoren und Studentenvertretern um die konkrete Umsetzung der Kommissionsempfehlungen bemüht.

Neben Vorlesungen aus dem eigentlichen Feld der Wirtschaftswissenschaften und den üblichen Zulieferungen aus der Mathematik, der Statistik und den Rechtswissenschaften sind für die Zukunft auch Vorlesungen aus der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Geschichte und der Psychologie sowie in dem noch zu konzipierenden Fach “Interdisziplinäre Institutionenanalyse” geplant. Die “interdisziplinären Verknüpfungen” machten rund ein Drittel des neuen Studienganges aus, heißt es. “Bisher war die Volkswirtschaftslehre in Heidelberg zu traditionell, mit diesen Verknüpfungen wird sie moderner und auch attraktiver für die Wirtschaft”, freuen sich die Studenten Cosima Steck und Matthias Eitenbenz von der Fachschaft.

Diese “Vernetztheit” sei zudem eine Besonderheit, die es an der Universität Mannheim nicht gebe und auch in Zukunft nicht geben werde, betont ebenfalls der Heidelberger Rektor Peter Hommelhoff. Mit diesem Argument hofft er auch das baden- württembergische Wissenschaftsministerium von den neuen Plänen überzeugen zu können. “Wir glauben berechtigt die Grundforderung zu stellen, daß es sowohl in Heidelberg als auch in Mannheim Volkswirtschaftslehre geben muß.” Ob das Wissenschaftsministerium dann aber nicht wieder mit neuen Kooperationsideen kommt, dürfte dahingestellt sein.

Hommelhoff sagt, man könne nicht gerade über einen Mangel an Nachfrage nach der Volkwirtschaftslehre in Heidelberg klagen: Derzeit sind rund 2000 Studenten eingeschrieben. Um angesichts der geringen Zahl besetzter Lehrstühle ein angemessenes Lehrangebot aufrechterhalten zu können, hat die Universität sogar für das kommende Sommersemester einen Einschreibestopp verhängt.

Für den Rektor bedeutet das neue Konzept eine radikale Kehrtwendung. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte er sich im vergangenen Mai mit dem Mannheimer Rektor Hans-Wolfgang Arndt über die vollständige Verlagerung der Wirtschaftswissenschaften bis zum Jahr 2010 verständigt; das AWI-Direktorium war nicht informiert und trat im Protest geschlossen zurück. Studenten organisierten Demonstrationen in der Altstadt. Im Juni indes verweigerte sich der Universitätssenat der Schließung der Fakultät - und Hommelhoff machte sich nunmehr zum Anwalt eines neuen, tragfähigen Konzepts für die Wirtschaftswissenschaften. Nun hieß es, das AWI solle zwar von nominal 13 auf 6 Lehrstühle verkleinert, aber interdisziplinär neu ausgerichtet werden - gemäß den Prinzipien, die von einer neu einberufenen, externen Kommission festzulegen seien. Die Kommission, der unter anderem die Ökonomen Bruno Frey (Universität Zürich) und Lars-Hendrik Röller (Europäische Kommission) angehörten, legte dann im November ihre Empfehlungen vor. Gleich in der Präambel des Papiers erteilen die Fachleute den ursprünglichen Schließungsplänen eine Abfuhr. So heißt es, angesichts der “strategischen Herausforderung” der Heidelberger Hochschule, sich als ” international ausgerichtete Eliteuniversität zu profilieren”, seien “entsprechend aufgestellte Wirtschaftswissenschaften als integrativer Bestandteil unverzichtbar”. Heute gesteht Hommelhoff, der die neuen Pläne nunmehr mit Begeisterung und Engagement verficht, “auch das Rektorat” habe “erst lernen müssen, wie wichtig die Wirtschaftswissenschaften sind”. Wenn es wieder einmal Pläne gebe, die Wirtschaftswissenschaften zu schließen, dann gehe “diesmal der Rektor mit auf die Barrikaden”. Das Verhältnis zur Universität Mannheim scheint unter dem Gezerre zwar etwas gelitten zu haben, aber Hommelhoff setzt auf “intelligente Lösungen”.

Auch mit Blick auf die personelle Ausstattung der Wirtschaftswissenschaften ließ die Kommission keinen Stein auf dem anderen. Dem zwischenzeitlichen Vorhaben, die Zahl der Lehrstühle auf 6 zu reduzieren, hält sie in ihrem Gutachten entgegen: “Wenn das angestrebte interdisziplinäre Profil und das gewünschte hohe wissenschaftliche Niveau erreicht werden sollen, benötigen die Heidelberger Wirtschaftswissenschaften mindestens 10 Professuren.” Derzeit sind nur 8 Lehrstühle besetzt; allerdings werden die beiden betriebswirtschaftlichen Professuren voraussichtlich kurzfristig nach Mannheim abgegeben, so daß in Heidelberg nur noch 6 besetzte Lehrstühle verbleiben - und von denen werden drei schon in den Jahren 2008 und 2009 frei. Wenn das neue Konzept greifen soll, steht die Fakultät jetzt somit unter erheblichem Zeitdruck, für eine Aufstockung des Personals zu sorgen. Zupaß kommt ihr dabei die jüngste Entscheidung über die Exzellenzinitiative, bei der Heidelberg hat punkten können: Aus deren dritter Säule sollen der Universität 10 Forschungsprofessuren finanziert werden. Hommelhoff überlegt, mit diesen Mitteln auch “Brückenprofessuren” einzurichten, die den Wirtschaftswissenschaften interdisziplinär verbunden sein könnten, zum Beispiel für das Fach “Law and Economics”.

Um die neuen Lehrstühle für Makroökonomik und für Finanzwissenschaft und Institutionenökonomik möglichst rasch zu besetzen, wird jetzt kurzerhand auf thematisch verwandte Berufungslisten zurückgegriffen, die noch aus jenen Neubesetzungsverfahren stammen, die im vergangenen Jahr auf Eis gelegt wurden. Die Verhandlungen mit dem Makroökomen Andreas Irmen (Universität Bozen) und dem Finanzwissenschaftler Lars Feld (Universität Marburg) seien weit fortgeschritten, sagt Hommelhoff - und bemüht sich jetzt um eine Freigabe aus dem Wissenschaftsministerium des Landes. Er erhofft sich eine Zustimmung zum Gesamtkonzept und zur Besetzung der beiden Lehrstühle noch vor der Landtagswahl. Erste Gespräche scheinen recht aussichtsreich verlaufen zu sein. Die Studenten indes sind noch unruhig: “Unsere einzige Sorge ist jetzt Stuttgart”, sagt Cosima Steck.