Berlin, Berlin, wir machen’s wie Berlin! 30. Januar 2006
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Studentischer Geist , 1 kommentar bisherUnsere Hauptstadt mag zwar von vielen als “Politikmetropole” abgekanzelt werden, als Nährboden für hervorragende studentische Initiativen läuft sie aber jeder anderen Stadt den Rang ab. Was auf UnternehmensGeist stets gefordert wird, setzten Berliner Geisteswissenschaftler in die Tat um: Sie gründeten mit Career Service Network ein Netzwerk für Geistes- und Sozialwissenschaftler, die ihre Zukunft in der Wirtschaft sehen. Dabei belassen es die Organisatoren nicht nur beim Reden, sondern sie bereiten den geistes- und sozialwissenschaftlichen Nachwuchs mit verschiedenen Seminaren auf die Praxis vor. Chapeau!
Bleibt zu hoffen, dass sich bald regionale Ableger an den meisten Universitäten im Land bilden und der “CSN-Spirit” das ganze Land erreicht! Weil es so schön ist, hier noch ein Artikel aus der ZEIT aus dem Jahr 2001 wie es damals anfing:
Viele Geistes- und Sozialwissenschaftler fürchten den Berufseinstieg. Berliner Studenten haben einen Verein gegründet, um ihren Kommilitonen zu helfen
Max Rauner
Die Referate im Grundkurs Psychologie sind eine Pflichtübung. Doch als Marcus Dreyer seinen Vortrag beendet hatte, war die Dozentin begeistert: Dreyer hatte seine Folien mit dem Laptop gestaltet. “Noch Wochen später lobte sie das Referat”, wundert sich der 29-Jährige, der unlängst sein Soziologiestudium an der Freien Universität Berlin abgeschlossen hat. Eigentlich sollten Präsentationstechniken zum Standardrepertoire der Universitätsausbildung gehören, gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Doch die meisten Studenten projizieren dicht beschriebene Folien auf die Leinwand und reden gegen die Tafel. Und die Professoren geben kein Feedback. “Aus der akademischen Krone würde kein Zacken brechen”, sagt Dreyer, “wenn die Fachbereiche zum Beispiel den Umgang mit verschiedenen Medien schulen würden.” Auch Angebote wie Verhandlungstechnik und Kommunikationstraining sucht man in vielen Lehrplänen vergebens. Pech für die Studierenden, denn diese so genannten Soft Skills sind in der Wirtschaft gefragter denn je.
Mit seinen Kommilitonen Tim Görts, 25, und Sven Nagel, 30, hat Dreyer vor einem Jahr einen gemeinnützigen Verein gegründet, der Geistes- und Sozialwissenschaftler auf den Berufseinstieg vorbereiten soll. Das Career Service Network, abgekürzt CSN, organisiert Bewerbungstrainings und Rhetorikkurse für Studenten sowie monatliche Veranstaltungen mit Referenten aus Industrie und Wirtschaft. Da schildern etwa ein Theologe, ein Philosoph und eine Romanistin ihren Arbeitsalltag bei McKinsey und anderen Unternehmensberatungen. Über die Internet-Branche berichteten eine Historikerin, ein Politikwissenschaftler und eine Psychologin aus IT-Unternehmen und einer Medienagentur. “Wir bevorzugen Geisteswissenschaftler als Referenten, weil die wissen, wie wir ticken”, sagt Görts. Das Interesse ist groß. Schon zur ersten Veranstaltung kamen 80 Studierende von der Freien, der Technischen und der Humboldt-Universität. Danach waren es jeden Monat 100 bis 150. Für Juni plant das CSN seine erste Podiumsdiskussion, Thema: “Was können Geisteswissenschaftler?”
Anfangs gingen die Gründungsmitglieder des Career Service Network Klinken putzen, um Sponsoren zu gewinnen. Über den Zuspruch waren sie selbst ein wenig überrascht. “Wir rannten offene Türen ein”, erinnert sich Nagel. Der Unternehmerverband Berlin-Brandenburg stellte kostenlos Räume zur Verfügung, der Zeitverlag bezuschusst seit einigen Monaten den Druck der Plakate, Bertelsmann sponsert die Homepage. An den Berliner Universitäten ist das CSN inzwischen ein Begriff. Professoren stehen auf dem Verteiler und hängen Einladungen aus, Career-Center der Universitäten (ZEIT Nr. 12/01) verweisen auf das Programm der Studenten, die Lokalpresse berichtet. Das aktive Team des CSN zählt inzwischen 30 Mitwirkende, insgesamt sind 80 Studenten und Absolventen als zahlende Mitglieder registriert. In der Vereinsarbeit sammeln die Mitglieder Praxiserfahrung und knüpfen Kontakte. Wer eine Veranstaltung organisiert, bekommt mitunter schon von einem der Referenten ein Jobangebot. “Unsere Vision ist ein großes Netzwerk aus Alumni und Studierenden”, sagt Tim Görts, “damit wir uns gegenseitig Jobs und Praktika vermitteln können.” Eines Tages auch über Berlin hinaus.
Nur jeder zehnte Absolvent landet in der Wissenschaft
In den Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften sind solche Vereine längst etabliert. Für Wirtschaftswissenschaftler vermittelt die internationale Studentenvereinigung AIESEC Praktikumsplätze im In- und Ausland. In Deutschland ist sie an allen Hochschulen mit wirtschaftswissenschaftlicher Fakultät vertreten. Für Ingenieure und Naturwissenschaftler organisieren beispielsweise die Hochschulgruppen des Vereins Deutscher Ingenieure Kontaktbörsen und Recruitment-Tage. Allein für Geistes- und Sozialwissenschaftler gab es bislang nur wenig Vergleichbares. Das liegt zum Teil an den Studierenden selbst, vermutet Dieter Grühn, promovierter Soziologe und Leiter des Career-Service der Freien Universität Berlin: “Es gibt viele Studenten in den Geistes- und Sozialwissenschaften, denen ist die Wirtschaft nach wie vor suspekt.” Dabei kommen weniger als zehn Prozent der Absolventen in wissenschaftsnahen Berufen unter. Jeder Dritte geht in die Medienbranche, ein weiteres Drittel landet in den Personal- und Marketingabteilungen von Firmen wie Siemens und Schering.
Vor drei Jahren startete Grühn einen Modellversuch zur Berufsorientierung an der Freien Universität. Dreißig ausgewählte Studenten mit Hauptfächern wie Politik- und Filmwissenschaft, Germanistik und Soziologie besuchten neben ihren Standardvorlesungen gemeinsame Kurse in Personalmanagement, Ökonomie für Nichtökonomen und Marketing, nahmen an Wochenendworkshops teil und lernten Web-Design und Öffentlichkeitsarbeit. Das Zusatzstudium kostete rund 700 Mark. Gut investiertes Geld, finden die CSN-Gründer Dreyer, Görts und Nagel, für die das Programm eine Schlüsselerfahrung war. “Wir wollten die Teamerfahrung in unseren Verein hinüberretten”, sagt Nagel, “wir wollten weiter zusammenarbeiten und andere von unseren Erfahrungen profitieren lassen.”
Zurzeit stehen die engagierten Studenten jedoch vor einem Dilemma: Um die Arbeit des Vereins weiter zu professionalisieren, brauchten sie ein kleines Büro und eine studentische Hilfskraft. Nur so wäre sichergestellt, dass der Verein weiterlebt, wenn die Gründungsmitglieder einen festen Job haben und nur noch als Alumni aktiv sind. Die Hochschulen knüpfen eine solche Förderung an Bedingungen. So möchte etwa die Freie Universität im Vereinsnamen sichtbar werden. Die Studenten verstehen sich indes als universitätsübergreifende Organisation. Und so finden sie eine alte Lehre ihres Studiums aufs Neue bestätigt: In der Praxis kann man auf die Alma Mater nicht zählen.