Krise der Geisteswissenschaften im Gespräch 23. November 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Grundsatz-Artikel , einen kommentar schreibenIm Internet fand ich zur (Nicht-)Krise der Geisteswissenschaften einen interessanten Beitrag auf der Homepage der Uni Zürich. Hier hat man sich im Mai diesen Jahres tatsächlich zusammengesetzt, um in alter geisteswissenschaftlicher Tradition über die Krise und die Herausforderungen für diesen Teil der Wissenschaft zu diskutieren. Bis sich allerdings der Nutzen einer derartigen Veranstaltung auch in Deutschland rumspricht, dürfte der Bologna-Prozess wohl zu Ende sein.
Ringvorlesung an der Universität Zürich mit dem Titel “Was ist das - die Hochschule?”
«Geisteswissenschaftler erkennen Strukturen, wo andere oft nur Fakten sehen»
Geisteswissenschaften sind kostengünstig, sie leisten einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag und sie widersprechen einem kurzfristigen Nutzendenken. Diese Positionen vertraten die Zürcher Linguistin Angelika Linke und der Tübinger Philosoph Otfried Höffe an einer Diskussionsveranstaltung an der Universität Zürich.
Weshalb die Artes liberales so wichtig, kostengünstig und widerspenstig sind, erörterte die Zürcher Linguistikprofessorin.
Die Fama einer Krise der Geisteswissenschaften hält sich hartnäckig. Leider sind es oft nur die Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler selbst, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Kritische Stimmen etwa aus Politik oder anderen wissenschaftlichen Disziplinen fehlten weitgehend auch an der gestrigen Veranstaltung im Rahmen der von Universität und ETH gemeinsam organisierten, interdisziplinären Ringvorlesung «Was ist das – die Hochschule?». In zwei Eingangsreferaten und einer anschliessenden Diskussion nahmen der Tübinger Philosoph Otfried Höffe und die Zürcher Linguistin Angelika Linke Stellung zum Thema «Artes liberales oder Weshalb die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften so wichtig, kostengünstig und widerspenstig sind».
Die Geisteswissenschaften sind zentral in der Herstellung einer sinn- und orientierungsstiftenden Kultur der Wahrnehmung, betonte der Philosoph Otfried Höffe.
Bildungspolitische «BWL-Mentalität»
Darin, dass die Geisteswissenschaften in der Gesellschaft eine wichtige Funktion innehaben und im Vergleich etwa zur Medizin wenig kosten, waren sich die beiden Referenten einig. Wieso sie sich gegenüber einer an kurzfristigem Nutzendenken orientierten, bildungspolitischen «BWL-Mentalität» (Höffe) widerspenstig verhalten, machten die beiden Wissenschaftler in ihren Vorträgen deutlich. Otfried Höffe hob in seinem Referat mit Bezug auf Aristoteles die nutzenfreie Wissbegier des Menschen hervor, der Rechnung getragen werden müsse. Die Geisteswissenschaften seien zentral in der Herstellung einer sinn- und orientierungsstiftenden Kultur der Wahrnehmung, Erinnerung, Gerechtigkeit und des Urteilens, meinte der Philosoph. Dadurch, dass sie sich gegenüber dem Fremden öffneten und «imperiale Selbstüberschätzungen» relativierten, trügen sie wesentlich zu einer friedlichen Koexistenz in der multikulturellen, globalisierten Gesellschaft bei und seien so geradezu eine Bürgerpflicht.
«Verblüffungsresistenz»
Der Blick, den die Geisteswissenschaftlerauf die ganze Vielfalt der menschlichen Phänomene von der Kunst bis zu sozialen Systemen und ihren Traditionen werfen, führt nach Höffe zu einer positiven «Verblüffungsresistenz»: «Nicht alles, was heute neu ist, ist auch revolutionär.» Dass die Leistungen der Geisteswissenschaften auch in der Berufspraxis gefragt sind, steht für den Tübinger Professor ausser Frage: «Die Abgängerinnen und Abgänger schaffen kein akademisches Proletariat», sagte er.
Die Geistes- und Sozialwissenschaften kosten vergleichsweise wenig und bieten viel, führte die Linguistin Angelika Linke aus.
«Magie des Teuren»
Bezüglich der Kosten sprach Angelika Linke in ihrem Beitrag von einer «Magie des Teuren», die heute üblich sei. «Teure Maschinen und technische Hilfsmittel scheinen - ganz nach dem Motto Qualität kostet - den Glanz von wissenschaftlichen Disziplinen zu erhöhen.» Die Geisteswissenschaften gäben deshalb wohl eher zu wenig Geld aus. Qualität wurde und werde aber dennoch geboten: Institutionen wie die philosophische Frankfurter Schule oder die Gender-Forschung hätten Gesellschaft und Universität wenig gekostet, die Leistungen, die sie für die Allgemeinheit erbracht hätten, seien aber beträchtlich. Ebenso seien geisteswissenschafliche Leitparadigmen wie der «linguistic turn» - das Bewusstsein, dass Sprache unser Denken und Wahrnehmen wesentlich prägt - auch für andere Disziplinen relevant geworden.
Im weiteren bezeichnete Linke die Forderung nach einer berufsbezogenen akademischen Ausbildung «als im Grundsatz falsch». «Uns geht es nicht um die Berufs-, sondern um die Wissenschaftspraxis», sagte die Linguistikprofessorin. Gerade das Reflektieren von gesellschaftlichen Praktiken, sozialen Institutionen und kulturellen Mustern sei aber auch in beruflichen Zusammenhängen eine zentrale Fähigkeit. Eine Qualität der Geisteswissenschaften, so Linke weiter, sei auch deren Vielfalt, zu der auch kleine Fächer wie beispielsweise die Ägyptologie beitragen. «Diese Vielfalt kostet zwar, da wir aber sonst nicht teuer sind, sollte hier investiert werden», schloss die Sprachforscherin.
Krise als Chance
In der anschliessenden Diskussion übernahm Philosophieprofessor Georg Kohler als Moderator die Rolle des advocatus diaboli: Woher stammen die Probleme?, fragte er. Vernebelt der ökonomische Diskurs unser Denken? Sind die Geisteswissenschaften so schlecht messbar? Und: Brauchen wir überhaupt so viele Geisteswissenschaftler – gehört nicht ein grosser Teil der Studierenden an eine Fachhochschule?
Geisteswissenschaftlich geschultes Denken ist in der Berufspraxis wichtig, sagte Otfried Höffe.
Die Orientierung am unmittelbar Messbaren sei bei der Sprechung von Drittmitteln ein Problem, meinte Otfried Höffe. Oft entzögen sich entscheidende Erkenntnisprozesse – man denke beispielsweise an Einstein – aber einer solchen Perspektive. Den Begriff der Krise sollte man ins Positive wenden: «Sie ist das Magma, in dem Kreativität entsteht», sagte Höffe. Linke meinte auf Kohlers letzte Frage Bezug nehmend, die Einführung von Fachhochschulen sei eine sinnvolle Ausdifferenzierung der Bildungslandschaft. Sie betonte aber auch, wie wichtig ein geisteswissenschaftlich geschultes Denken in der Berufspraxis sein könne. «Geisteswissenschaftler können Strukturen erkennen, wo andere oft nur Fakten sehen.» Offen blieb letztlich die Frage aus dem Publikum, wieso die Geisteswissenschaften trotz beträchlichem Potenzial ihre Perspektiven in der Öffentlichkeit nicht besser durchsetzen können. Das habe wohl mit der Geschwindigkeit zu tun, vermutete Angelika Linke. Heute stehe der schnelle Effekt im Vordergrund, die Geisteswissenschaften untersuchten Veränderungen aber mit einer längerfristigen Perspektive.
—–
Das Marketing 1 x 1 23. November 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Marketing , einen kommentar schreibenWer sagt eigentlich, dass auf einem Knowledge-Weblog nicht auch was zu lachen geben kann. Da wir Geistes- und Sozialwissenschaftler/Innen nicht nur in der PR gerne gesehen sind, sondern auch ins Marketing eine frischen Wind bringen, ist es an dieser Stelle mal Zeit für eine knackige klare Abgrenzung der verschiedenen Kommunikationsdisziplinen.
Das Marketing 1 x 1
Du gehst auf eine Party und siehst eine attraktive Frau auf der anderen Seite des Raumes. Du gehst zu ihr und sagst: “Hallo, Du hast eine wunderbare Ausstrahlung, wie wärs mit uns?”
Das nennt man Direct Marketing.
Du gehst auf eine Party und siehst eine attraktive Frau auf der anderen Seite des Raumes. Du gibst einer Freundin einen Zehneuroschein. Sie steht auf und sagt: “Hallo, mein Freund dort hinten ist ein absolut feiner Kerl, wie wärs?”
Das ist Werbung.
Du gehst auf eine Party und siehst eine attraktive Frau auf der anderen Seite des Raumes. Du gibst zwei Freundinnen von Dir einen Zehneuroschein, damit sie sich in Hörweite der Frau stellen und darüber sprechen, wie nett und süß Du bist.
Das nennt man Public-Relations.
Du gehst auf eine Party und siehst eine attraktive Frau auf der anderen Seite des Raumes. Du erkennst sie wieder. Du gehst zu ihr rüber, frischst ihre Erinnerung auf und bringst sie zu Lachen und Kichern.
Und dann wirfst Du ein: “Hallo, ich bin völlig hin und weg von Dir, wie wärs mit uns?”
Das ist Customer Relationship Management.
Du gehst auf eine Party und siehst eine attraktive Frau auf der anderen Seite des Raumes. Du ziehst deine tollen Klamotten an, läufst herum und spielst Mr. Beschäftigt. Du setzt dein bestes Lächeln auf, läufst herum und spielst Mr. Sympathisch. Du frischst deinen Wortschatz in deinem Gedächtnis auf und spielst Mr. Höflich. Du unterhältst dich mit sanfter und weicher Stimme, du öffnest die Tür für alle Frauen, du lächelst wie ein Traum, Du verbreitest eine Aura um Dich herum, Du spielst Mr. Gentleman und dann gehst Du zu der Frau und fragst: “Hallo, Du bist für mich die wunderbarste Frau auf der Welt, wie wärs mit uns?”
Das ist Hard Selling.
Du gehst auf eine Party und siehst eine attraktive Frau auf der anderen Seite des Raumes. SIE KOMMT HERÜBER und sagt: “Hallo, ich habe gehört, dass Du der süßeste und lustigste Typ auf der gesamten Party bist, wie wärs mit uns?”
Das, ist die KRAFT DER MARKE.
—–