Die “sozio-logische” Karriere

Wenn man lange genug wartet, sind sie wieder mal dran: Artikel zu Karrierechancen von Geistes- und Sozialwissenschaftlern. In der aktuellen Ausgabe des Magazins Karriere (09/2005) widmete man sich den Soziologen in einem sechsseitigen Spezial. Die Aufforderung an die Zielgruppe lautete wenig überraschend: Breit qualifizieren und flexibel sein!

Angesichts der beigefügten Statistiken und Grafiken schien dieser Zuruf bitter nötig. Steigende Studentenzahlen (Verdoppelung der Absolventenzahlen im Zeitraum von 1995 bis 2003!) und eine langsam aber stetig wachsende Arbeitslosigkeit unter den Soziologen trägt nicht gerade zu ihrem Selbstbewusstsein bei. In einer Statistik der Universität Konstanz rangieren Kultur- und Sozialwissenschaftler mit 19 bzw. 17 Prozent auf Platz zwei und drei der Zukunftsängsteskala hinter den Juristen. Vielleicht erklärt sich so das hohe Alter der Graduierten mit 29,6 Jahren; warum einen zügigen Hochschulabschluss anstreben, wenn mit dem Zeugnis die Probleme anfangen. Ein Aufbaustudium verschlimmert die Situation dann meist nur noch. Kaum verwunderlich, dass eine Karriere an der Hochschule zu den Top drei der Berufswünsche zählt.

So umfassend das Soziologen-Spezial auch wirkt, so sehr irrierte mich, dass man sich in der karriere-Redaktion mit der bloßen Feststellung des (ohnehin) Bekannten begnügnete. Wo bleiben die Links, Tipps und Bücherempfehlungen, die über die Problemdarstellung hinausgehen? Ganz selbstverständlich werden bei den spezifischen Berufsfeldern Marketing/Vertrieb, PR, Personalwesen, Consulting und andere wirtschaftsnahe Sparten aufgelistet. Außer den persönlichen Portraits zweier “Young Professionals” aus der Marktforschung und der PR ließ sich nichts Konkreteres finden. Wenn Artikel der Zeitschrift einen Zweck dringend erfüllen müssen, dann doch den, dass sie Orientierung geben und weiterführende Informationen liefern! Es hilft dem (neugierigen) Leser nicht zu lesen, man solle sich mit EDV-, Sprachen- und v.a. BWL-Kenntnissen wappnen, wenn die “Anschlussinformation” fehlt. Hat man in den Karriere-Ressorts Angst davor sein Pulver (Insider-Wissen) zu verschießen, so dass es in ein paar Wochen zu einem ähnlichen Spezial nicht mehr reicht? Sozio-logisch, so macht es den Anschein!

Kommentare

  1. TITLE: Patchworkkarrieren
    In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Abi – Berufswahlmagazin findet sich ein sehr schöner Schwerpunkt zum Thema
    Patchworkkarrieren. O-Ton: Ungerade Lebenswege werden immer üblicher, aber noch reagieren die Unternehem verhalten darauf – einige sind offener, andere nicht. Und meist ist es so: Je höher der Bedarf an Leuten, desto offener sind die Uternehmen auch fpr Leute, die nicht unbedingt in ihr Schema passen. Das deckt sich auch mit meiner Einschätzung. Und was der Beitrag sonst noch klarstellt: Wer einen ungeraden Lebensweg hat, kann damit punkten, dass er interessant wirkt. Sich zu sehr anzupassen, macht nur unglaubwürdig. Die dargestellten Lebenswege, vor allem auf dem Kunstsektor, sind auch für Geisteswissenschaftler schöne Beispiele. Und schließlich macht der Artikel auch im Hinblick auf eine Verbesserung der Berufsaussichten Mut, denn, aufgrund es demographischen Wandels verbessern sich in den kommenden Jahren die Aussichten für alle Absolventen. Also durchhalten!

  2. REPLY:
    TITLE: Stimmungsaufheller
    Es ist gut zu hören, dass Patchworkkarrieren nicht nur eine Reaktion auf den “angespannten” Arbeitsmarkt sind, sondern sich auch als Bonus erweisen können. Dies gibt den jungen Menschen Auftrieb, die trotz eines wirtschaftsnahen Berufswunschs nicht die stromlinienförmige Einbahnstraßenausbildung in Sankt-Gallen-Manier durchlaufen wollen. Junge Menschen (wie wir) brauchen auch Lebenserfahrung und Eindrücke aus unterschiedlichen Disziplinen.
    Auf den demographischen Faktor zu hoffen oder sogar darauf zu warten, darf sich dennoch kein Bewerber leisten :-) . Als Stimmungsaufheller reicht er aber allemal.

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