Debatte mit langer Tradition 8. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Pressespiegel , einen kommentar schreibenDass es sich bei der Debatte um Geistes- und Sozialwissenschaftlern in der Wirtschaft nicht um eine Erscheinung der letzten Jahre handelt, zeigt dieser Artikel aus der KARRIERE von 1991.
KARRIERE-Gespräch von Bernd Rasche mit Jochen Kienbaum, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Kienbaum u. Partner vom 21.06.1991
Der Manager der Zukunft ist ein Generalist mit Tiefgang und
kommunikativer Kompetenz.
Trendanalysen des Arbeitsmarktes belegen schon seit längerem, dass der Bedarf an Akademikern mit außerfachlichen, studienunabhängigen Qualifikationen deutlich zunehmen wird. Anlässlich der offiziellen Eröffnung des für geisteswissenschaftliche Magisterstudenten eingerichteten Zusatzprogramms “Wissenschaft und Praxis” an der Universität Münster bestätigte Unternehmensberater Jochen Kienbaum diese Prognose in einem Gespräch mit KARRIERE. Sein Plädoyer gelte “dem akademischen Generalisten” und nicht dem “eindimensionalen Fachidioten”.
Nach Ansicht des Vorsitzenden der Geschäftsführung von Kienbaum und Partner haben sich die Ansprüche in der Unternehmenslandschaft verändert. Insbesondere das derzeitige Stichwort “Wertewandel” erhalte seine Bedeutung vor dem Hintergrund einer Produktion, die sich zunehmend mit Fragen der sozialen Akzeptanz oder der Technikfolgenabschätzung konfrontiert sieht. “Diese Bedürfnisse sind zum Teil nicht mehr durch Fachrichtungen wie etwa die Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften zu befriedigen. Allein durch die Kraft des Faktischen werden daher in den großen und in den mittleren Unternehmen neue Tendenzen auch in Richtung Geisteswissenschaften wichtiger.” Dabei sei vorstellbar, dass die bei Geisteswissenschaftlern vorhandene Fähigkeit zum Querdenken für die Unternehmen interessanter wird: “Interessante und gute Leute, die keineswegs nur eine Fachrichtung wie Betriebswirtschaft studiert haben, können als Berater für die Wirtschaft wertvolle Anregungen geben.”
So haben unterschiedliche Faktoren wie etwa das größere Gewicht von kommunikativen Prozessen in der Industrie, aber auch veränderte Mitarbeitererwartungen und die zunehmende Bedeutung von äußerer und innerer Unternehmenskultur dazu beigetragen, die neuerdings oft angeführten kulturwissenschaftlichen Schlüsselqualifikationen aufzuwerten. Hier sieht Jochen Kienbaum vor allem die “Fähigkeit zur selbständigen Informationsbeschaffung und -verarbeitung sowie zur raschen Aufarbeitung komplexer Zusammenhänge” als “Aspekte der Geistes- und Sozialwissenschaften”, die in der Industrie Eingang fänden. In ihrer Folge kristallisiere sich eine Reihe von Tätigkeitsfeldern auch für Absolventen der Geisteswissenschaften heraus. Dazu zählen innerbetriebliche Weiterbildung, Personalwesen, Vertrieb und Marketing sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Gerade aus der Insider-Perspektive eines Unternehmensberaters stellt Kienbaum fest, dass in Zukunft die Personalentwicklung im Vordergrund stehe. In höheren Positionen sei es wichtig, Mitarbeiter zu beschäftigen, die den Überblick besitzen und Dinge nicht isoliert, sondern in größeren Zusammenhängen erkennen. Ein Unternehmen, das hier investiere und das sich Gedanken über seinen “Überbau” mache, werde sich Wettbewerbsvorteile verschaffen können.
Für den renommierten Unternehmensberater stellt die Vermittlung von Zusatzqualifikationen einen richtigen Ansatz im Hinblick auf interdisziplinäre Wissensvermittlung dar. Dennoch kann sie keinen vollständigen Ersatz für Studiengänge bieten, die von vornherein wirtschaftswissenschaftliches Wissen mit außerfachlichen Kenntnissen verquicken. In der aufgeschlossenen Haltung der Wirtschaft des Münsterlandes gegenüber dem Modellversuch “Wissenschaft und Praxis” erkennt Jochen Kienbaum allerdings eine “unabdingbare Voraussetzung für ein Aufeinanderzugehen von bisher noch nicht so vertrauten Parteien”.
Es sei sehr zu begrüßen, dass in einem solchen Projekt die Vorurteile gegen alles, was nicht als einschlägige Wissenschaft gelte, abgebaut würden. Insbesondere die im “Wissenschaft und Praxis”-Programm verpflichtend eingerichteten Praktika in den verschiedensten Firmen tragen seiner Meinung nach dazu bei, dass die Unternehmer “die Augen geöffnet bekommen über gute und aufbaufähige Leute”. Eine stärkere Vernetzung der Ausbildungs- und Wissensbereiche ist daher für Jochen Kienbaum eine wichtige Botschaft an die Adresse der Hochschulen.
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