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Perspektivenwechsel durch den Bologna-Prozess 1. August 2005

Veröffentlicht von Frank Walzel in : Grundsatz-Artikel , trackback

Europa bringt viel Neues, besonders gern in die Hochschulen. Der Kernsatz könnte lauten: “Deutschland bekommt neue Studienabschlüsse und Geisteswissenschaftler neue Chancen in der Wirtschaft.” Bei all dem Streit über die Umsetzung der Bologna-Richtlinien und der Trauer um die “deutschen Abschlüsse lassen Beobachter gerne außer acht, dass die seit langem geforderte Interdisziplinarität in den Wissenschaften dadurch ein Stück näher rückt. Studenten von “Exotenfächern” können ihrem Lebenslauf einen “realitätsnäheren” Hut aufsetzen.

Es gibt fast keinen Bereich des Lebens in Deutschland, der nicht Trends aus den USA oder Großbritannien ausgesetzt ist. Auf dem Feld der Nachwuchsrekrutierung laufen viele deutsche Unternehmen der Zeit hinterher. Was in angesächsischen Ländern schon lange üblich ist, scheint bei uns nur langsam Fuß zu fassen: der Manager mit einem geisteswissenschaftlichen Erststudium. Liegt es an unserem notorischen Hang zum “Spartendenken”, das jungen Menschen nur eine möglichst stromlinienförmige, auf einen Schwerpunkt fokussierte Hochschulausbildung gestattet?

Neue Möglichkeiten eröffnen sich mit dem “Bologna-Prozess”, der vergleichbare Studienabschlüsse in Europa bis 2010 fordert. Über verlorengegangene Vorteile deutscher Abschlüsse lässt sich ausgiebig streiten. Unbestritten jedoch ist: Die Neuordnung der Hochschulabschlüsse anhand Bachelor und Master wird die interdisziplinäre Ausrichtung zukünftiger Studenten fördern. Nicht selten ist nach drei Jahren in einem “Exotenfach” der Wunsch vorhanden, realitätsnähere Studienfächer zu ergreifen. Während nach den alten Richtlinien der Weg bis zum Abschluss nach etwa fünf Jahren vorgezeichnet war, kann der Student im “europäischen Modell” die Weichen für den Master neu stellen. Auch ein Geisteswissenschaftler mit Affinität zu wirtschaftlichen Fragestellungen kann jetzt verloren geglaubte Qualifikationen nachholen. Bis dahin werden private und staatliche Weiterbildungsinstitute diese Lücke füllen und ein einträgliches Geschäft damit machen.
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