Perspektivenwechsel durch den Bologna-Prozess

Europa bringt viel Neues, besonders gern in die Hochschulen. Der Kernsatz könnte lauten: “Deutschland bekommt neue Studienabschlüsse und Geisteswissenschaftler neue Chancen in der Wirtschaft.” Bei all dem Streit über die Umsetzung der Bologna-Richtlinien und der Trauer um die “deutschen Abschlüsse lassen Beobachter gerne außer acht, dass die seit langem geforderte Interdisziplinarität in den Wissenschaften dadurch ein Stück näher rückt. Studenten von “Exotenfächern” können ihrem Lebenslauf einen “realitätsnäheren” Hut aufsetzen.

Es gibt fast keinen Bereich des Lebens in Deutschland, der nicht Trends aus den USA oder Großbritannien ausgesetzt ist. Auf dem Feld der Nachwuchsrekrutierung laufen viele deutsche Unternehmen der Zeit hinterher. Was in angesächsischen Ländern schon lange üblich ist, scheint bei uns nur langsam Fuß zu fassen: der Manager mit einem geisteswissenschaftlichen Erststudium. Liegt es an unserem notorischen Hang zum “Spartendenken”, das jungen Menschen nur eine möglichst stromlinienförmige, auf einen Schwerpunkt fokussierte Hochschulausbildung gestattet?

Neue Möglichkeiten eröffnen sich mit dem “Bologna-Prozess”, der vergleichbare Studienabschlüsse in Europa bis 2010 fordert. Über verlorengegangene Vorteile deutscher Abschlüsse lässt sich ausgiebig streiten. Unbestritten jedoch ist: Die Neuordnung der Hochschulabschlüsse anhand Bachelor und Master wird die interdisziplinäre Ausrichtung zukünftiger Studenten fördern. Nicht selten ist nach drei Jahren in einem “Exotenfach” der Wunsch vorhanden, realitätsnähere Studienfächer zu ergreifen. Während nach den alten Richtlinien der Weg bis zum Abschluss nach etwa fünf Jahren vorgezeichnet war, kann der Student im “europäischen Modell” die Weichen für den Master neu stellen. Auch ein Geisteswissenschaftler mit Affinität zu wirtschaftlichen Fragestellungen kann jetzt verloren geglaubte Qualifikationen nachholen. Bis dahin werden private und staatliche Weiterbildungsinstitute diese Lücke füllen und ein einträgliches Geschäft damit machen.
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Kommentare

  1. TITLE: Magister gleich Master?
    Der Beitrag ist zwar schon etwas älter, aber interessanterweise haben Sie in meinem Blog ein Thema angeschnitten, das ich gerne vertiefen würde, bzw. zu dem ich noch Informationen suche – nämlich die Frage: Dürfen sich auch Magister nach im Zuge der ganzen Veränderungen als Master bezeichnen? Nach meinen bisherigen Recherchen nicht…
    Aber: Die Abkürzung ist die selbe und der Akkreditierungsrat weist darauf hin, dass die Abschlüsse gleichwertig sind, aber dennoch eben nicht gleich… Auch wenn die Website des Akkreditierungsrat da eine Gleichsetzung vornimmt, die die Dame vom Akkreditierungsrat, mit der ich unlängst zu diesem Zweck telefoniert habe, das selbst nicht so ganz verstand… Auch für die Hochschulen sind Magister und Master nicht das selbe, aber eben gleichwertig… Kurz: Da wird es noch einen schönen Definitionskuddelmuddel geben… aber ein Trost: wie gesagt – Die Abkürzung ist ja die selbe…
    Was also tun? Einfach die Abkürzung nutzen – vermutlich kapiert den Unterschied ohnehin niemand? Hoffen, dass es noch irgendwelche Zusatprüfungen gibt, die uns Magistern dann den Master of Arts-Titel erlaubt? Oder einfach selbstbewusst zum dem Magister stehen, der jetzt schon nicht das Renomee des Diploms hat? Vorschläge, Ideen, Anregungen – oder sitzt jemand direkt an einer Quelle? Ich freue mich über jede Information und denke, das Thema wird noch mehr ins Bewusstsein rücken, als es das jetzt schon ist…

  2. REPLY:
    TITLE: Das angelsächsische Update
    Das ist in der Tat eine interessante Frage, die erschreckend wenig in den auf den Hochschulseiten der Printmedien diskutiert wird. Ich favorisiere ihren Vorschlag Nummer drei, also Brust raus und auf den deutschen Vorgänger (Magister) des europäischen Masters verweisen!

    Zugegeben, der Titel Master of Arts klingt schneidiger und lässt an Ivy-League-Universitäten der amerikanischen Ostküste denken. Bei genauerer Betrachtung jedoch hat der Magister auf seine alten Tage die Freiheit von Forschung und Lehre besser umgesetzt als sein angelsächsische verschultes “Update”. Die angloamerikanische Verjüngungskur tut unserem Hochschulsystem dennoch gut. Aber sei es wie es will, in ein paar Jahren kümmert sich ohnehin nur noch die zeitgeschichtliche Bildungsforschung darum.

    Wer bei dem von Simone Janson ansprochenen Akkreditierungsrat nachlesen will, kann sich den Referenzrahmen für Bachelor und Master vom 20.06.2001 unter http://www.akkreditierungsrat.de/b_referenzrahmen.htm zu Gemüte führen. Mehr zu Bachelor und Master bietet auch das unimagazin in einem Spezial unter http://www.unimagazin.de/rubrik/special200505.jsp.

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