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Braucht die Wirtschaft Geisteswissenschaftler? 1. August 2005

Veröffentlicht von Frank Walzel in : Grundsatz-Artikel , trackback

An geisteswissenschaftlichen Absolventen klebt das Klischee des wirtschaftsinkompatiblen Schöngeists wie alter Kaugummi an der Schuhsohle. Dabei haben sich die Einstellungen vieler Studenten schon im Studium der Realität angepasst. Ein kaufmännische Weiterbildung nach der Uni lässt sich ohne weiteres dranhängen. Personalabteilungen sollten deshalb nicht leichtfertig auf Absolbvemtempotantial verzichten. Entscheidend ist, ob die Bewerber Unternehmergeist besitzen.

Es ist ein grausames Ereignis, das sich jedes Wintersemester an deutschen Universitäten abspielt. Tausende von unbeschriebenen Erstsemestern schlagen die Ratschläge ihrer Eltern - sie mögen doch ein “ordentliches Brotstudium” ergreifen - in den Wind und stürzen sich auf das Studienfach ihres Herzens. Allzu oft gründen ihre Entscheidungen auf guten Noten ihrer sonst mittelmäßigen Oberstufenkarriere oder sie spiegeln die idealistische Vorstellung eines jugendlich-verträumten Berufsbildes wider. Sie sind berauscht von der Vorstellung, tiefgehenden Fragen der Geschichte, Philosophie, Anglistik oder Germanistik nachgehen zu können ohne “unnützen” Wissensbalast hinter sich herziehen zu müssen. Derart vertieft in ihre neue Welt der Geisteswissenschaften kommt es ihnen nicht in den Sinn, nach einem praxistauglichen Abschluss ihrer theoretischen Arbeit zu fragen.

Spätestens jedoch nachdem eingesehen werden musste, dass zwar durchaus zahlreiche Praktikantenstellen in kulturellen und gesellschaftlichen Einrichtungen angeboten werden, diese sich aber nicht aber nicht analog auf den Stelenmarkt übertragen lassen, werden vorsichtig die Fühler zur “harten Wirtschaftswelt” ausgestreckt. Natürlich nur so zur Sicherheit, falls der Traumjob in der Nichtregierungsorganisation oder am Lehrstuhl des Lieblingsprofs nicht auf einen gewartet hat. Die Wenigsten trauen sich nun das mühsam erlernte, theoretische Studium hinten an zu stellen und die praxistauglichen “Soft Skills” zum Kriterium ihres weiteren Berufsweges zu machen. Eine Karriere in klassischen Unternehmen erscheint abwegig und wird angesichts der fachlich hochqualifizierten Konkurrenz aus den Fachbereichen BWL, VWL, dem Ingenieurwesen oder Jura als hoffnungslos abgetan. Dabei brächten Geistesissenschaftler dringend benötigte Fähigkeiten mit in das Unternehmen: Kein ordentliches Studium ohne ein halbes Dutzend Referate, die in Projektgruppen zu seminarfüllenden Präsentationen ausgebaut und “gemanaget” werden müssen; kein Grund- und Hauptstudium, in dem jedes Semester aufs Neue erwaret wird, sich in ein völlig neues Wissensgebiet einzuarbeiten.
Vor übertriebener Zurückhaltung bei der Jobsuche in der Wirtschaft sei also gewarnt. Nur weil die von Unternehmen gewünschten Studiengänge in der Stellenanzeige kein Wort über die Geisteswissenschaften verlieren, macht dies die Bewerber nicht unbrauchbar für den Arbeitsmarkt.

Dennoch muss bei allem Optimismus etwas dafür getan werden, um das Profil gegenüber der starken Konkurrenz zu schärfen. Wie man dem schon frühzeitig im Studium nachkomen kann und was genau Unternehmen von geisteswissenschaftlichen Bewerbern erwarten, soll in diesem Weblog diskutiert und erarbeitet werden. Denn soviel ist sicher: Unternehmen, so die Meinung des Autors, sollten nach einem Unternehmergeist bei den Absolventen fragen und eine fehlende kaufmännische Ausbildung nicht zum Ausschlusskriterium erster Wahl machen. Wissen über ökonomische Zusammenhänge und betriebliche Abläufe sollten für einen methodensicheren Geisteswissenschaftler nur ein weiteres Wissensgebiet sein, in das er sich gezielt einarbeiten kann.