German Angst 30. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : German Angst , einen kommentar schreibenAngeregt durch den Artikel von Otto Buchegger zur German Disease stieß ich auf zdf.de auf einen äußerst lesenswerten Beitrag. Aus meiner Sicht deshalb lesenswert, weil ich glaube, dass diese Angst vor Veränderung oder Fortschritt in gewisser Weise übertragbar ist auf die Zukunftserwartung von vielen Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Die ketzerische Frage dazu könnte lauten: Warum Neues in der Wirtschaft entdecken, wenn die altbekannten Hochschulstrukturen einem so vertraut sind? Wer einen/mehrere Gegenpunkt(e) aufmachen will, ist herzlich dazu eingeladen. Feuer frei!
WARUM UNS FORTSCHRITT DEN SCHLAF RAUBT von Fabian Mohr, 25.04.2005
Was Wissenschaftler fasziniert, löst bei Normalbürgern oft massive Ängste aus. Man nennt es die “German angst”: Die diffuse Furcht vor Veränderung. Dass neue Technik oft auf Widerstand stößt, hat durchaus Gründe: Nicht immer ist Fortschritt ein Segen - auch die Atombombe war schließlich eine Erfindung. Doch Wissenschaftler schlagen Alarm: Deutschland macht sich einfach zu viele Sorgen.
Schwindsucht, gar Tod - und das bereits ab Tempo 30. Den ersten Passagieren der deutschen Eisenbahn prophezeiten Ärzte noch ein jähes Ableben. Heute wissen wir: Zugfahren zwischen Nürnberg und Fürth war 1835, als die “Ludwigsbahn” das Eisenbahnzeitalter auch in Deutschland einläutete, eine gemütliche Angelegenheit - auf der gut sechs Kilometer langen Schienenstrecke bestand außer mäßiger Zugluft keine Gefahr für Leib oder Leben.
Was in der Rückschau amüsiert, ist doch ein frühes Beispiel für die immer wieder zu beobachtende Angst vor dem Neuen. So sehr Forschung und Erfindungen viele Menschen faszinieren - so tief sitzen Sorgen und Vorbehalte gegen neue Technologien.
So unwahrscheinlich wie lebensgefährlich
Sogar verschiedene Typen von Angst lassen sich festmachen - abstrakte Bedrohungen ebenso wie Bedenken, die der Alltag mit sich bringt. Zum Beispiel Atomkraft und “Genfood”: Zwar weiß jeder, dass das statistische Risiko für den Nuklear-”Gau” im eigenen Vorgarten minimal ist. Und dennoch macht Atomkraft vielen Angst. Weil, im Falle des Falles, die Katastrophe apokalyptische Ausmaße hätte.
Anders das Unwohlsein bei gentechnisch manipulierten Nahrungsmitteln: Niemand fürchtet ernsthaft, beim Verzehr einer Gen-Tomate tot vom Stuhl zu fallen. Doch die relative Ungefährlichkeit wird durch die Alltäglichkeit der gefühlten Bedrohung wieder aufgehoben: Beim Einkaufen im Supermarkt werden wir jeden Tag mit der Frage konfrontiert, ob Gemüse, Obst oder andere Lebensmittel unbedenklich sind. Dass uns “Genfood” nicht geheuer ist, liegt auch am Unsichtbaren des vermeintlichen Fortschritts: Maiskolben ist, rein äußerlich, Maiskolben. Wir sehen nicht, was in ihm tickt, können es nicht schmecken, nicht riechen. Das macht Angst.
Es gibt Gründe dafür, dass wir auf Fortschritt selten euphorisch, eher mit Zurückhaltung reagieren. Wer die Geschichte der großen Erfindungen Revue passieren lässt, muss sich vom seligen Bild des forschenden Weltverbesserers schnell verabschieden. Erfinder brachten uns nicht nur Penicillin, elektrisches Licht und Flugzeuge. Ebenso tüftelten Forscher mit Leidenschaft an todbringenden Raketen, entwickelten Landminen und perfektionierten das Maschinengewehr. Auch gut gemeinte Forschung endete mitunter in der Katastrophe: Contergan ist der bekannteste Fall in Deutschland.
Die eigene Forschung hinterfragen
Nicht, dass nur Normalsterbliche Angst hatten und haben vor technischen Neuerungen: Auch Wissenschaftler selbst hinterfragen die Konsequenzen ihres Tuns. Es geht um eine Kernfrage allen Erfindens: Ist das, was ich im Labor ausbrüte, vor der Welt verantwortbar? Eine Frage, die die Erbauer der ersten Atombombe leidenschaftlich diskutierten. Und mit Ja beantworteten.
Auch in unserem Rechtssystem hat die Angst vor technischen Risiken ihre Spuren hinterlassen. Juristen sprechen vom Prinzip der Gefährdungshaftung. Technologien wie Eisenbahn oder Atomenergie werden als grundsätzlich risikobehaftet eingestuft. Im Falle eines Unglücks oder einer Katastrophe muss der Betreiber deshalb für Schäden geradestehen - egal, ob ihm ein Verschulden nachzuweisen ist oder nicht. Gleiches gilt für Bauern, die gentechnisches Saatgut ausbringen.
“Traditionell gestörtes Verhältnis”
Kritische Distanz zum Fortschrittsglauben halten seit jeher auch die Vordenker der Nation. Man habe es mit einem “traditionell gestörten Verhältnis” zwischen Technik und Geisteswissenschaften zu tun, beschwerte sich der Publizist Michael Naumann. Dabei lagen Philosophen wie Günther Anders durchaus nicht falsch: Ohne Frage konnte und kann Technik nicht nur den Alltag erleichtern, sondern auch das Böse, das Verbrechen.
An Warnungen besteht weiterhin kein Mangel. Für Aufsehen sorgte etwa der Artikel “Why the Future doesn’t need us” des US-Amerikaners Bill Joy, in der er die Gefahr einer sich verselbstständigenden Nanotechnologie beschwört. Sein Worst-Case-Szenario: Eines Tages wird Nanotech auf den Homo sapiens verzichten wollen. Wir werden überflüssig.
Magie statt Technik
Erschwert wird der Umgang mit Fortschrittsängsten überdies durch die immense Komplexität von technischen Neuerungen. Was keiner mehr versteht, wird schnell zur “Zauberei”: Entsprechend reagieren wir - nicht rational, eher ergriffen bis erschrocken. Nüchterne Abwägung fällt da schwer. Zumal das Tempo, in der Erfindungen über uns hinwegrollen, immer rasanter wird. Auch das löst Ängste aus - besonders, wenn die Neuerungen das Berufsleben betreffen, also unvermeidbar sind.
Wie unbegründete Ängste abgebaut werden können, wird intensiv diskutiert - denn die “German angst”, so der geflügelte Begriff, ist längst auch ein ökonomisches Problem geworden. Transparenz und Vertrauenswürdigkeit sind Begriffe, die in diesem Zusammenhang immer wieder fallen. Wo kein hundertprozentiges Vertrauen in Institutionen oder Konzerne herrscht, plädieren die meisten weiter für “null Risiko”. Mobilfunkunternehmen bekommen das deutlich zu spüren: Geben ihre Untersuchungen auch noch so oft gesundheitliche Entwarnung bei Handystrahlung und Funkmasten - ob man ihnen trauen kann, steht auf einem anderen Blatt Papier.
“Was mich rettet, muss gut sein…”
Ein weiterer Ansatz: Den Nutzen von Forschung für den Einzelnen stärker in den Vordergrund spielen. Wo moderne Technologien wie die Genom-Wissenschaft versprechen, die Menschen von ihren Urängsten (z.B. Krankheit) zu befreien, wendet sich das Blatt - Skeptiker können zu Befürwortern werden.
Verglichen mit den 80er-Jahren, als Tschernobyl und Challenger-Absturz auf Jahre das Bild von gefährlich-unkontrollierbarer Technik prägten, ist die Angst vor dem Neuen aber zumindest nicht größer geworden. Inzwischen ist es wieder “en vogue”, Riskobereitschaft zu fordern. Doch bis sich ungebremster
- nicht unreflektierter - Entdeckergeist in Deutschland breitmacht, werden vermutlich Jahre vergehen. Noch zu tief verankert ist die “Culture of fear”, von der Frank Furedi sprach. Mit den Methoden des 19. Jahrhunderts ist dieser Kultur der Angst jedenfalls nicht beizukommen: Der Lokführer des “Adler” arbeitete 1835 noch in Frack und Zylinder - eine frühe vertrauensbildende Maßnahme.
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Angelsächsische Unternehmen als Geheimtipp? 18. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Ausland , 2kommentareGeistes- und Sozialwissenschaftler trifft es doppelt hart. Nicht nur, dass das familiäre Umfeld schon von Beginn an bei den “exotischen” Studienfächern abgewunken hat; das Spiel beginnt auf ein Neues, wenn der Student/Absolvent seine Arbeit nicht mehr nach seinen Professoren, sondern nach den Personalern ausrichtet. Mit einer kleinen Abänderung: Zu dem “Fachfremden-Malus” gesellt sich meist eine leicht abwertende Haltung gegenüber Abschlüssen wie dem Magister hinzu. Gerade in Deutschland, einem Land in dem Titel noch gepflegt und hierarchisiert werden, scheint das “Standing” der Geistes- und Sozialwissenschaftler (schlimmstenfalls M.A.) besonders schlecht zu sein.
Andere Länder, besonders das angelsächsische Ausland, scheinen hier offener für wirtschaftsferne Studiengänge und Abschlüsse. Ich komme zu dieser Ansicht, da ich mich vor ein paar Monaten mit einer Head-Hunterin für Führungskräfte unterhielt und sie zu meinen Chancen als Politik- und Geschichtswissenschaftler in der Wirtschaft befragte. Eine Ihrer Kernaussagen war, dass angelsächsische Unternehmen in Deutschland (!) toleranter und offener gegenüber GSWlern wären. Grund dafür sei, eine liberalere Unternehmenskultur, die Quereinsteiger in die Wirtschaft gezielt anspreche und auch anwerbe. Um erste Kontakte zu knüpfen, riet sie mir Mitglied in der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer zu werden.
Mir war bekannt, dass es nichts Ungewöhnliches in GB oder den USA war, als Theologe oder Philosoph in einem Wirtschaftsunternehmen zu arbeiten. Die nötige kaufmännische Grundbildung erfolgte meist im ersten Jahr. Es erstaunte mich jedoch, dass diese Praxis wohl auch in Deutschland zur Anwendung kam. Zu meiner Verwunderung ließ sich allerdings weder in der einschlägigen Literatur noch im Internet dazu finden. Alles doch nur Humbug? Sind angelsächsische Unternehmen nicht auch an die Gepflogenheiten des deutschen Arbeitsmarkts gebunden? Was, wenn dem so ist und was bedeutet das für die persönliche Bewerbungsstrategie?
Magister - aus der Uni in die Wirtschaft 15. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Pressespiegel , 1 kommentar bisherNa endlich mal ein Studie, die mit einer konkreten Zahl zu Geistes- und Sozialwissenschaftlern in der Wirtschaft aufwarten kann. Nach einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 1998 übernahmen 37,5 Prozent geistes- und sozialwissenschatlicher Absolventen eine fachfremde Tätigkeit in der Wirtschaft nach ihrem Abschluss.
Wen der hohe Prozentsatz verblüfft, sei gesagt: Die Studenten nahmen im Vorfeld an Qualifizierungsmaßnahmen der Münchner Initiative “Student und Arbeitsmarkt” teil (Quelle: Peter Jüde 1999: Berufsplanung für Geistes- und Sozialwissenschaftler, Köln, S. 37). Wie hoch oder niedrig die Zahlen ohne “unternehmerisches Trainingslager” lägen, konnte nicht eruriert werden. Als Fazit bleibt nur festzuhalten, dass universitätsgestützte Praxisinitiativen gepaart mit studentischer Neugierde für wirtschaftliche (Unternehmens-)Abläufe das Tor zur Wirtschaft verlockend weit aufstoßen.
Desweiteren stimmt hoffnungsvoll, dass es sich bei der Untersuchung um eine Studie handelt, die auf mehr als sieben jahre alte Daten zurückgreift - auf diesem Gebiet eine klitzekleine Ewigkeit. Bachelor und Master krempeln den Wappensaal der Hochschulabschlüsse ordentlich um und die Internationalisierung der Unternehmenskulturen schafft neue Ein- und Aufstiegskanäle für fachfremde Quereinsteiger.
Der (langsame aber stetige) Aufschwung auf dem geistes- und sozialwissenschaftlichen Arbeitsmarkt hat schon längst begonnen. Magister und Co. muss jetzt nurr noch eins: Raus aus der Uni und gut gerüstet (!) in die Wirtschaft!
Was sagt das Internet? 15. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Internetthemen , einen kommentar schreibenSo umfangreich und innovativ das Internet auch sein mag, nicht immer gibt es die gesuchten Informationen auf einer Seite im Netz so zusammengefasst, dass sie langes Suchen ersparen. Trotz intensiver Suche gelang es mir nicht eine brauchbare Linkliste mit Artikeln zu unserer Probleamtik zu finden. Um diese Lücke (provisorisch) zu füllen, habe ich im Anschluss eine kleine Auswahl an Internet-Fundstücken zusammengestellt. Für Berichtigungen, Ergänzungen oder Anmerkungen wäre ich überaus dankbar.
Interview mit Dr. Heiko Conrad zu der Möglichkeit des Quereinstiegs in die Wirtschaft
Unilife.de-Artikel über neue Unternehmenskulturen und Chancen für Geisteswissenschaftler
Bibliographie des BDS (Bund deutscher Soziologen) zum Thema „Soziologen im Beruf“
Artikel von access.de: „Mit Kant und Kafka in die Wirtschaft?“
Das Buch zum Thema: „Wozu denn heute Geisteswissenschaften studieren?“
Lesenswerter Artikel des Unimagazins (2005) über den Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler
Artikel der LMU München zu den Berufsmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler
Qualifizierungsinitiative der Uni Bamberg für Geisteswissenschaftler
Artikel in der ZEIT: „Lernt was Ihr wollt!“
Interview mit Dr. Erich Behrendt (1. Vorsitzender des BDS) zu Berufschancen für Soziologen
FAZ-Artikel zur „Generation Praktikum“ vom 27.06.2005
Blog vs. private Homepage 12. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Internetthemen , einen kommentar schreibenEs war nicht einmal allzu lange her, als eine gut geführte private Homepage das “Must-Have” bei allen Bewerbungen war, die ihren Kopf ein wenig über das Heer der Mitbewerber strecken wollten. Doch wo liegt der Zugewinn für den Personaler?
Die Unterlagen sollten vor ihm auf seinen Schreibtisch liegen und Eckpunkte einer Persönlichkeit erkennen lassen. Das Gros der privaten Webseiten gibt dem Besucher das Gleiche in grün, nur mit der Ausicht auf zusätzlichem Spielspaß beim Durchklicken. Es findet sich (in der Regel) nichts, was das Bild des Aspiranten noch schärfer zeichnen würde, vorausgesetzt er schickt sich an lesenswerte Beiträge, Artikel oder persönliche Gedanken auf der Seite zu veröffentlichen, die einen echten Einblick bieten könnten. Das wirft dann allerdings die Frage auf, wieso er nicht gleich ein breites Publikum daran teilhaben lässt.
Ein Weblog vermeidet in diesem Fall die unnötige Wiederholung der Standardfakten und liefert dem Personaler Aussagen über authentisches Kommunikationsverhalten wie Argumentationsstärke, Textsicherheit und Allgemeinbildung. Gerade für Geistes- und Sozialwissenschaftler verbirgt sich hinter Weblogs ein schlagkräftiges Bewerbungstool, mit dem das Rennen gegen/mit BWLer(n) wieder etwas spannender wird!!
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Debatte mit langer Tradition 8. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Pressespiegel , einen kommentar schreibenDass es sich bei der Debatte um Geistes- und Sozialwissenschaftlern in der Wirtschaft nicht um eine Erscheinung der letzten Jahre handelt, zeigt dieser Artikel aus der KARRIERE von 1991.
KARRIERE-Gespräch von Bernd Rasche mit Jochen Kienbaum, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Kienbaum u. Partner vom 21.06.1991
Der Manager der Zukunft ist ein Generalist mit Tiefgang und
kommunikativer Kompetenz.
Trendanalysen des Arbeitsmarktes belegen schon seit längerem, dass der Bedarf an Akademikern mit außerfachlichen, studienunabhängigen Qualifikationen deutlich zunehmen wird. Anlässlich der offiziellen Eröffnung des für geisteswissenschaftliche Magisterstudenten eingerichteten Zusatzprogramms “Wissenschaft und Praxis” an der Universität Münster bestätigte Unternehmensberater Jochen Kienbaum diese Prognose in einem Gespräch mit KARRIERE. Sein Plädoyer gelte “dem akademischen Generalisten” und nicht dem “eindimensionalen Fachidioten”.
Nach Ansicht des Vorsitzenden der Geschäftsführung von Kienbaum und Partner haben sich die Ansprüche in der Unternehmenslandschaft verändert. Insbesondere das derzeitige Stichwort “Wertewandel” erhalte seine Bedeutung vor dem Hintergrund einer Produktion, die sich zunehmend mit Fragen der sozialen Akzeptanz oder der Technikfolgenabschätzung konfrontiert sieht. “Diese Bedürfnisse sind zum Teil nicht mehr durch Fachrichtungen wie etwa die Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften zu befriedigen. Allein durch die Kraft des Faktischen werden daher in den großen und in den mittleren Unternehmen neue Tendenzen auch in Richtung Geisteswissenschaften wichtiger.” Dabei sei vorstellbar, dass die bei Geisteswissenschaftlern vorhandene Fähigkeit zum Querdenken für die Unternehmen interessanter wird: “Interessante und gute Leute, die keineswegs nur eine Fachrichtung wie Betriebswirtschaft studiert haben, können als Berater für die Wirtschaft wertvolle Anregungen geben.”
So haben unterschiedliche Faktoren wie etwa das größere Gewicht von kommunikativen Prozessen in der Industrie, aber auch veränderte Mitarbeitererwartungen und die zunehmende Bedeutung von äußerer und innerer Unternehmenskultur dazu beigetragen, die neuerdings oft angeführten kulturwissenschaftlichen Schlüsselqualifikationen aufzuwerten. Hier sieht Jochen Kienbaum vor allem die “Fähigkeit zur selbständigen Informationsbeschaffung und -verarbeitung sowie zur raschen Aufarbeitung komplexer Zusammenhänge” als “Aspekte der Geistes- und Sozialwissenschaften”, die in der Industrie Eingang fänden. In ihrer Folge kristallisiere sich eine Reihe von Tätigkeitsfeldern auch für Absolventen der Geisteswissenschaften heraus. Dazu zählen innerbetriebliche Weiterbildung, Personalwesen, Vertrieb und Marketing sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Gerade aus der Insider-Perspektive eines Unternehmensberaters stellt Kienbaum fest, dass in Zukunft die Personalentwicklung im Vordergrund stehe. In höheren Positionen sei es wichtig, Mitarbeiter zu beschäftigen, die den Überblick besitzen und Dinge nicht isoliert, sondern in größeren Zusammenhängen erkennen. Ein Unternehmen, das hier investiere und das sich Gedanken über seinen “Überbau” mache, werde sich Wettbewerbsvorteile verschaffen können.
Für den renommierten Unternehmensberater stellt die Vermittlung von Zusatzqualifikationen einen richtigen Ansatz im Hinblick auf interdisziplinäre Wissensvermittlung dar. Dennoch kann sie keinen vollständigen Ersatz für Studiengänge bieten, die von vornherein wirtschaftswissenschaftliches Wissen mit außerfachlichen Kenntnissen verquicken. In der aufgeschlossenen Haltung der Wirtschaft des Münsterlandes gegenüber dem Modellversuch “Wissenschaft und Praxis” erkennt Jochen Kienbaum allerdings eine “unabdingbare Voraussetzung für ein Aufeinanderzugehen von bisher noch nicht so vertrauten Parteien”.
Es sei sehr zu begrüßen, dass in einem solchen Projekt die Vorurteile gegen alles, was nicht als einschlägige Wissenschaft gelte, abgebaut würden. Insbesondere die im “Wissenschaft und Praxis”-Programm verpflichtend eingerichteten Praktika in den verschiedensten Firmen tragen seiner Meinung nach dazu bei, dass die Unternehmer “die Augen geöffnet bekommen über gute und aufbaufähige Leute”. Eine stärkere Vernetzung der Ausbildungs- und Wissensbereiche ist daher für Jochen Kienbaum eine wichtige Botschaft an die Adresse der Hochschulen.
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Praxisinitiativen an den Unis 7. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Grundsatz-Artikel , einen kommentar schreibenEs überrascht doch wie zahlreich die Praxisinitiativen an deutschen Universitäten geworden sind. Neben universitätsnahen Servicegesellschaften etablieren sich immer mehr studentische Initiativen, die zur Mitarbeit und Engagement einladen. Auf studserv fand ich eine ziemlich umfassende Auflistung von Career Centern, Praxisinitiativen und Netzwerken. Nun kann wirklich niemand mehr sagen, es stünden ihm keine Möglichkeiten offen, sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren!!
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Braucht die Wirtschaft Geisteswissenschaftler? 1. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Grundsatz-Artikel , 3kommentareAn geisteswissenschaftlichen Absolventen klebt das Klischee des wirtschaftsinkompatiblen Schöngeists wie alter Kaugummi an der Schuhsohle. Dabei haben sich die Einstellungen vieler Studenten schon im Studium der Realität angepasst. Ein kaufmännische Weiterbildung nach der Uni lässt sich ohne weiteres dranhängen. Personalabteilungen sollten deshalb nicht leichtfertig auf Absolbvemtempotantial verzichten. Entscheidend ist, ob die Bewerber Unternehmergeist besitzen.
Es ist ein grausames Ereignis, das sich jedes Wintersemester an deutschen Universitäten abspielt. Tausende von unbeschriebenen Erstsemestern schlagen die Ratschläge ihrer Eltern - sie mögen doch ein “ordentliches Brotstudium” ergreifen - in den Wind und stürzen sich auf das Studienfach ihres Herzens. Allzu oft gründen ihre Entscheidungen auf guten Noten ihrer sonst mittelmäßigen Oberstufenkarriere oder sie spiegeln die idealistische Vorstellung eines jugendlich-verträumten Berufsbildes wider. Sie sind berauscht von der Vorstellung, tiefgehenden Fragen der Geschichte, Philosophie, Anglistik oder Germanistik nachgehen zu können ohne “unnützen” Wissensbalast hinter sich herziehen zu müssen. Derart vertieft in ihre neue Welt der Geisteswissenschaften kommt es ihnen nicht in den Sinn, nach einem praxistauglichen Abschluss ihrer theoretischen Arbeit zu fragen.
Spätestens jedoch nachdem eingesehen werden musste, dass zwar durchaus zahlreiche Praktikantenstellen in kulturellen und gesellschaftlichen Einrichtungen angeboten werden, diese sich aber nicht aber nicht analog auf den Stelenmarkt übertragen lassen, werden vorsichtig die Fühler zur “harten Wirtschaftswelt” ausgestreckt. Natürlich nur so zur Sicherheit, falls der Traumjob in der Nichtregierungsorganisation oder am Lehrstuhl des Lieblingsprofs nicht auf einen gewartet hat. Die Wenigsten trauen sich nun das mühsam erlernte, theoretische Studium hinten an zu stellen und die praxistauglichen “Soft Skills” zum Kriterium ihres weiteren Berufsweges zu machen. Eine Karriere in klassischen Unternehmen erscheint abwegig und wird angesichts der fachlich hochqualifizierten Konkurrenz aus den Fachbereichen BWL, VWL, dem Ingenieurwesen oder Jura als hoffnungslos abgetan. Dabei brächten Geistesissenschaftler dringend benötigte Fähigkeiten mit in das Unternehmen: Kein ordentliches Studium ohne ein halbes Dutzend Referate, die in Projektgruppen zu seminarfüllenden Präsentationen ausgebaut und “gemanaget” werden müssen; kein Grund- und Hauptstudium, in dem jedes Semester aufs Neue erwaret wird, sich in ein völlig neues Wissensgebiet einzuarbeiten.
Vor übertriebener Zurückhaltung bei der Jobsuche in der Wirtschaft sei also gewarnt. Nur weil die von Unternehmen gewünschten Studiengänge in der Stellenanzeige kein Wort über die Geisteswissenschaften verlieren, macht dies die Bewerber nicht unbrauchbar für den Arbeitsmarkt.
Dennoch muss bei allem Optimismus etwas dafür getan werden, um das Profil gegenüber der starken Konkurrenz zu schärfen. Wie man dem schon frühzeitig im Studium nachkomen kann und was genau Unternehmen von geisteswissenschaftlichen Bewerbern erwarten, soll in diesem Weblog diskutiert und erarbeitet werden. Denn soviel ist sicher: Unternehmen, so die Meinung des Autors, sollten nach einem Unternehmergeist bei den Absolventen fragen und eine fehlende kaufmännische Ausbildung nicht zum Ausschlusskriterium erster Wahl machen. Wissen über ökonomische Zusammenhänge und betriebliche Abläufe sollten für einen methodensicheren Geisteswissenschaftler nur ein weiteres Wissensgebiet sein, in das er sich gezielt einarbeiten kann.
Perspektivenwechsel durch den Bologna-Prozess 1. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Grundsatz-Artikel , 2kommentareEuropa bringt viel Neues, besonders gern in die Hochschulen. Der Kernsatz könnte lauten: “Deutschland bekommt neue Studienabschlüsse und Geisteswissenschaftler neue Chancen in der Wirtschaft.” Bei all dem Streit über die Umsetzung der Bologna-Richtlinien und der Trauer um die “deutschen Abschlüsse lassen Beobachter gerne außer acht, dass die seit langem geforderte Interdisziplinarität in den Wissenschaften dadurch ein Stück näher rückt. Studenten von “Exotenfächern” können ihrem Lebenslauf einen “realitätsnäheren” Hut aufsetzen.
Es gibt fast keinen Bereich des Lebens in Deutschland, der nicht Trends aus den USA oder Großbritannien ausgesetzt ist. Auf dem Feld der Nachwuchsrekrutierung laufen viele deutsche Unternehmen der Zeit hinterher. Was in angesächsischen Ländern schon lange üblich ist, scheint bei uns nur langsam Fuß zu fassen: der Manager mit einem geisteswissenschaftlichen Erststudium. Liegt es an unserem notorischen Hang zum “Spartendenken”, das jungen Menschen nur eine möglichst stromlinienförmige, auf einen Schwerpunkt fokussierte Hochschulausbildung gestattet?
Neue Möglichkeiten eröffnen sich mit dem “Bologna-Prozess”, der vergleichbare Studienabschlüsse in Europa bis 2010 fordert. Über verlorengegangene Vorteile deutscher Abschlüsse lässt sich ausgiebig streiten. Unbestritten jedoch ist: Die Neuordnung der Hochschulabschlüsse anhand Bachelor und Master wird die interdisziplinäre Ausrichtung zukünftiger Studenten fördern. Nicht selten ist nach drei Jahren in einem “Exotenfach” der Wunsch vorhanden, realitätsnähere Studienfächer zu ergreifen. Während nach den alten Richtlinien der Weg bis zum Abschluss nach etwa fünf Jahren vorgezeichnet war, kann der Student im “europäischen Modell” die Weichen für den Master neu stellen. Auch ein Geisteswissenschaftler mit Affinität zu wirtschaftlichen Fragestellungen kann jetzt verloren geglaubte Qualifikationen nachholen. Bis dahin werden private und staatliche Weiterbildungsinstitute diese Lücke füllen und ein einträgliches Geschäft damit machen.
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Weiterbildung UND Networking - sonst läuft nichts! 1. August 2005
Veröffentlicht von Frank Walzel in : Allgemein , einen kommentar schreibenDie Entwicklung ist durchaus beachtlich: An den meisten deutschen Universitäten sprießen Weiterbildungszentren für Geistes- und Sozialwissenschaftler aus dem Boden. Ob sie nun “Student und Wirtschaft”, heißen, “Magister in den Beruf” oder “Projekt Geist und Wirtschaft”, eins ist allen gemein: Sie versuchen Defizite universitärer Ausbildung auszugleichen und die Attraktivität von Absolventen “weicher Fächer” zu steigern. Ihre Angebote reichen von Projektmanagement, Rhetorik, Informationsveranstaltungen zu einzelnen Berufsbilder bis zu Crashkursen über die Grundlagen der BWL und VWL. Wie aber wird die so erworbene “Kompetenz” von den Personalern der Wirtschaftsunternehmen eingeschätzt? Ist sie nur der berühmte “Tropfen auf den heißen Stein” oder lässt sie eine Anstellung in kaufmännischen Berufszweigen wahrscheinlicher werden?
Es ließe sich gut argumentieren, man bräuchte von einem regulärem BWL-Studium ohnehin nur einen schwindend geringen Anteil und das was man in der Praxis bräuchte, könne von geisteswissenschaftlichen Autodidakten mit ein wenig Eigeninitiative aufgeholt werden. Aus meiner Sicht greift diese Ansicht in dieser Form allerdings zu kurz. Auch bei hohem Zeit- und Geldeinsatz werden aus Geisteswissenschaftlern nach 40 bis 60 Unterrichtseinheiten wirtschaftskundige und verhandlungungssichere Kaufleute oder Betriebswirte. Vielmehr sollte der Apsirant frühzeitig Anschluss an Berufsverbände und wirtschaftsnahe Vereinigungen suchen, um auf persönlichem Wege Vertreter der Branche kennen zu lernen. “Networking” heißt hier das Stichwort. Geisteswissenschaftler - auf den Karriereseiten der Zeitungen stets als kommunikationsstark gerühmt - könnten ihre Neugier und fachliche Flexibilität voll zum Einsatz bringen und so die Distanz zur “Wirtschaft” verkürzen. Leider, so mein Eindruck, scheinen viele zu diesem Schritt am aller wenigsten bereit und beschränken sich auf die Kommunikation via Telefon, Internet oder den Postweg. Das ist schade, verschwenden sie doch Möglichkeiten, durch persönliche Erfahrungen ihr Profil (und Charakter) zu schärfen und an der “Selektionsmauer” vorbei zu Unternehmen Kontakt aufzunehmen. Dass sich die Einstellungen geisteswissenschaftlicher Studenten diesbezüglich ändern werden, bin ich mir sicher - und wenn es aus Angst vor der drohenden Arbeitslosigkeit ist.
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