Akademische Schöngeister und die Selbstständigkeit

Wohl keine Absolventengruppe der Geisteswissenschaften kommt dem (leider) weitverbreiten Image der verträumten “Schöngeister” näher als die Kunsthistoriker. Doch die Berufsfelder für Absolventen geraten in Bewegung. Wer sagt, dass die Freunde alter Kunst nicht auch in die Selbstständigkeit gehen können? Ein ZEIT-Artikel aus dem Jobbrief (April 2006) zeigt, wie es einigen von ihnen dabei ergangen ist.

Museum war gestern…

… ebenso wie der Traum, in einer Galerie zu arbeiten. Wer Kunstgeschichte studiert hat, sollte sich lieber gleich selbststaendig machen.

Von Sandra Roth

Zurzeit ist die Internet-Seite ihre dringendste Sorge. Ausserdem fehlen noch Flugblaetter und ein guter Steuerberater. Julia Krings schreibt zwar an ihrer Magisterarbeit in Kunstgeschichte, aber meistens sitzt sie nicht in der Bibliothek, sondern kuemmert sich um ihre Zukunft – und die soll “Blickart” heissen.

Julia Krings gruendet eine Agentur, gemeinsam mit drei Kommilitonen. Zusammen wollen sie aussergewoehnliche Kunstfuehrungen anbieten, etwa eine fuer Kindergartenkinder durchs Koelner Museum Ludwig. “Zu riskant”, oder “zu aufwaendig”, das waren die Standardantworten, wenn Julia Mitstudenten von ihrem Plan erzaehlte. “Aber ich wollte das immer schon machen”, sagt die 26-Jaehrige. “Wenn bei einer Fuehrung sechs Knirpse vor mir sitzen und die auf einmal impressionistische Kunst begreifen, auf ihre ganz eigene Art – das ist so schoen, das ist die Muehe wert.” Dafuer hat sie im Studium extra einen Schwerpunkt auf Museumspaedagogik gelegt. Fuer sie steht fest: “Wir versuchen das jetzt einfach.”

Eine eigene Firma zu gruenden ist nicht gerade der typische Weg fuer Julias Fachgebiet Kunstgeschichte – danach wollen viele in einer Galerie arbeiten oder im Kunsthandel. Ein Drittel der Absolventen arbeitet in der Medienbranche, beim Fernsehen oder in einem Verlag. “Viele traeumen von einem Job im Museum”, sagt Julia Krings. “Doch der ist nicht leicht zu kriegen.” Den Einstieg dazu findet man mit einem Praktikum, zum Beispiel in der Pressestelle eines Museums. Wer danach einen Werkvertrag bekommt, hat Glueck. Noch mehr hat, wer eines der begehrten Volontariate ergattert. Ans Museum Ludwig haben gerade 100 Bewerber ihre Unterlagen geschickt – ausgeschrieben war eine Volontariatsstelle. Ein Volontaer kann als Kurator Ausstellungen konzipieren und betreuen oder die Pressearbeit unterstuetzen. Auch in Museen und Galerien gilt, was mittlerweile in vielen Berufen Anfaengern das Leben schwer macht: Festanstellungen sind selten, unbefristete sowieso, freie Mitarbeit die Regel. Oft fuehrt der erste Gang eines Kunsthistorikers nach dem Abschluss zum Arbeitsamt.

Schauen und schauen und schauen

Am Ende satteln viele um. Auch Manuel Andrack, der heute Harald Schmidt die Stichworte liefert, hat Kunstgeschichte studiert. “Wer nicht fuer Kunst brennt, der kann nach dem Studium auch keine mehr sehen”, sagt Krings mit einem Laecheln. Die Studenten setzen sich Malerei, Skulptur und Architekur auseinander. Wichtig heisst dabei nicht schoen oder haesslich, nicht gute oder schlechte Kunst. Warum ist ein Werk typisch fuer eine Epoche? Oder eben nicht? Wie fassten es die Zeitgenossen auf? Wie wir heute? Wichtige Werke gibt es eine Menge. “Du sitzt im Seminar und schaust und schaust und schaust – man lernt unheimlich viel kennen und verstehen”, sagt Krings. Im Hauptstudium kann man Schwerpunkte setzen. Die Wahl der Uni ist dafuer entscheidend. Krings hat mit Mainz, Wien und Bonn drei Hochschulen besucht und festgestellt: “Die Unterschiede sind gewaltig.”

Einige Institute beschaeftigen sich eher mit dem Mittelalter, waehrend andere den Fokus auf das 20. Jahrhundert legen. Die Forschung konzentriert sich an der einen Universitaet vor allem auf die Herkunft von Beutekunst, eine andere wiederum ist fuer ihren Schwerpunkt Denkmalpflege bekannt. Nach dem Studium koennen sich die Absolventen mit Aufbaustudiengaengen spezialisieren, etwa auf Kulturmanagement. Aber auch waehrend des Studiums kann man die Richtung schon vorgeben, mit der Wahl der Nebenfaecher. Kunstgeschichte ist typischerweise ein Magisterstudiengang. Das hat sich auch nach der Umstellung auf Bachelor und Master nicht geaendert – im Moment werden erst zwei Bachelorstudiengaenge angeboten, in Marburg und Greifswald, und nur ein Master in Marburg. Die Wahl der Nebenfaecher setzt Akzente: Der Grossteil der Studenten belegt immer noch traditionell Aeltere Geschichte und Philosophie, aber auch Medienwissenschaften, Neuere Geschichte oder Publizistik sind moeglich.

“Heute wuensche ich mir manchmal, ich haette BWL genommen”, sagt Julia Krings. Vertraege, Gewerbeanmeldung und die Frage, wer bekommt wie viel von den Einnahmen – das ist alles nicht so einfach. Im April wollen die vier in Koeln loslegen. Sie hoffen, irgendwann davon leben zu koennen. Ein Kunstfuehrer verdient zwischen 150 und 250 Euro die Stunde. Das klingt viel, beinhaltet aber auch die Vorbereitung – “und wir werden wohl nicht zehn Fuehrungen am Tag zum gleichen Thema haben”, sagt Krings. “Reich wird man mit Kunstgeschichte nicht – aber man hat ein schoenes Leben.”
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